2.15$ am Tag: Lässt sich Armut in einer Zahl ausdrücken?
Die Weltbankdefinition für absolute Einkommensarmut ist in der internationalen Zusammenarbeit omnipräsent und hat die öffentliche Wahrnehmung von globaler Armut geprägt. Letztes Jahr wurde sie von 1,90$ pro Tag auf 2,15$ erhöht. Doch der Indikator und dessen Höhe bleiben umstritten.

Autor: Samuel Schlaefli
Wer sich mit globaler Armutsreduktion und internationaler Entwicklungszusammenarbeit beschäftigt, kommt nicht um sie herum: die «International Poverty Line» (IPL), die von der Weltbank berechnete Grenze absoluter Armut. Der grosse Vorteil gegenüber nationalen Armutsgrenzen ist, dass die IPL für alle Staaten der Welt gültig ist, unabhängig von unterschiedlichen Währungen und deren Kaufkraft.
Über eine vereinheitlichte, fiktive Währung – den internationalen Dollar ($) – errechnet die Weltbank Kaufkraft-Paritäten, welche der IPL zugrunde liegen. Mit einem internationalen Dollar sind zu einem bestimmten Zeitpunkt überall auf der Welt gleichviel Güter käuflich. Der nominale Wert richtet sich nach den nationalen Armutsgrenzen von 15, respektive neu 28 Ländern, mit den weltweit tiefsten Einkommen. Darunter sind vorwiegend Staaten in Subsahara-Afrika, zum Beispiel der Tschad und Burundi.
Armut ist über die letzten 30 Jahre auch dann gesunken, wenn höhere Armutslinien oder soziale Indikatoren herangezogen werden.
Im September 2022 wurde die Grenze für absolute Armut von 1,90$ auf 2,15$ angehoben und an die gestiegenen Preisniveaus angepasst. Die errechnete globale Armut «sank» dadurch von 9,3 auf 9,1 Prozent (bezogen auf die Kaufkraftparität von 2017). Das sind 15 Millionen Menschen weniger, die rein rechnerisch in absoluter Armut leben.
Einkommen als zentraler Indikator
Die Werte 1,90$ respektive 2,15$ finden sich heute tausendfach in UN-Berichten und Medienbeiträgen. Und auch für die Agenda 2030 und die dazugehörigen UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) ist die IPL zentral. Erfolge oder Misserfolge beim SDG 1, der Eliminierung der absoluten Armut bis 2030, werden anhand des 2,15$-Werts gemessen.
«Die Weltbankdefinition ist bis heute wichtig, weil wir damit messen können, wie weit wir noch vom international anerkannten Ziel entfernt sind, dass es keine extreme Armut mehr geben darf», sagt Isabel Günther, Professorin für Entwicklungsökonomie am «Nadel» der ETH Zürich. Sie betont, dass mit der IPL nur extreme Einkommensarmut abgebildet wird und andere Dimensionen von Armut, wie Sicherheit, der Zugang zu Gesundheit oder Möglichkeiten am öffentlichen Leben teilzuhaben, ausgeblendet werden. Trotzdem sei ein Armutsindikator sinnvoll, der auf Einkommen oder Konsum basiere. «Das Einkommen korreliert sehr stark mit einer Reihe anderer Armutsindikatoren, wie Ernährung, Bildung und Zugang zu Infrastruktur.»
Pyrrhussieg dank zu tiefer Grenze
Nicht alle sind jedoch von der Aussagekraft eines vereinheitlichten, rein quantitativen Armutsstandards und den damit erzählten Erfolgsgeschichten überzeugt. Der Australier Philip Alstom, Professor für Völkerrecht und ehemaliger UN-Sonderberichterstatter zu extremer Armut, hat die Armutsmessung der Weltbank in seinem Abschlussbericht vom Juli 2020 heftig kritisiert. Die internationale Gemeinschaft gaukle damit Fortschritte in der Armutsbekämpfung vor, die reell nicht existierten. «Die Grenze ist dermassen tief und willkürlich gesetzt, dass sie ein positives Resultat garantiert und der UN, der Weltbank und vielen Kommentatoren ermöglichen einen Pyrrhussieg zu proklamieren», schrieb Alstom. Zum Vergleich: In der Schweiz gilt als arm, wer weniger als 76 Franken am Tag verdient.
Alstom kritisierte, dass anhand des Weltbankwertes in den vergangenen Jahren grosse Erfolge in der Reduktion von absoluter Armut proklamiert wurden. So sank diese laut Weltbank von beinahe 36 Prozent im Jahr 1990 (1,9 Milliarden Menschen) auf 10 Prozent (736 Millionen) im Jahr 2015. Wenn jemand der extremen Armut «entkomme», indem er ein Einkommen von wenig über 1,90$ habe, reiche dies jedoch noch lange nicht aus, um ein würdevolles Leben zu führen, argumentierte Alstom. Ein solcher Lebensstandard liege Welten von den Menschenrechten entfernt, die in der UN-Charta verbrieft sind.
Die Weltbank räumt selbst ein, dass die IPL extrem tief sei und nicht ausreiche, um die Kosten für eine gesunde Ernährung zu decken. Würde man eine solche als Kriterium für absolute Armut heranziehen, so würden heute nicht 700 Millionen, sondern drei Milliarden Menschen in absoluter Armut leben. Alstom kritisierte weiter, dass die gängige Rezeption der Weltbankzahlen die sozioökonomischen Realitäten verschleierten. Zum Beispiel sei die grosse Armutsreduktion zwischen 1990 und 2015 vor allem auf China zurückzuführen (von 750 Millionen auf 10 Millionen), während in Subsahara-Afrika und dem Mittleren Osten die Zahl der in Armut lebenden Menschen gleichzeitig um 140 Million angestiegen sei.
Kristina Lanz, Fachverantwortliche bei «Alliance Sud», einem Zusammenschluss von Schweizer Nichtregierungsorganisationen, teilt die Bedenken Alstoms und erkennt noch ein weiteres Problem: «Viele Staaten, die der Weltbank als Referenz für die Festsetzung der IPL dienen, haben nur sehr geringe Ressourcen für Statistik. Gerade die ärmsten Menschen, welche oftmals in abgelegenen ländlichen Gebieten oder informellen Siedlungen und Slums leben und meist im informellen Sektor tätig sind, werden von diesen Statistiken nur unzureichend erfasst.» Die Regierungen hätten deshalb oft nur ein unvollständiges Bild der tatsächlichen Armut in der Bevölkerung. Hinzu komme, dass Millionen von Menschen sowieso in keiner Statistik auftauchten. «Migranten und Migrantinnen, Haushaltshilfen, Obdachlose und in patriarchalischen Gesellschaften auch allgemein die Frauen – sie alle sind in solchen Daten, die auf Haushaltsbefragungen basieren, oft unsichtbar.»
Ignorierte Ungleichheit?
In den letzten Jahren wurde die Weltbank zudem dafür kritisiert, dass sie den Fokus zu stark auf Armut und zu wenig auf die Ungleichheit lege. Besonders bei Schwellenländern, wie Indien oder Brasilien, in welchen die absolute Armut zurückging, kaschiere der Weltbank-Wert die extrem ungleiche Verteilung der Einkommen, kritisierte zum Beispiel der Entwicklungsökonom Andy Sumner.
Isabel Günther sagt hingegen: «In der Wissenschaft sind beide Werte wichtig, die Armut und die Ungleichheit. Für die Messung von Ungleichheit haben wir aber andere Indikatoren.» Im Gegensatz zur extremen Einkommensarmut sei es bei der Ungleichheit zudem politisch deutlich schwieriger einen globalen Konsens darüber zu finden, wie weit diese reduziert werden müsse. Bei breiter abgestützten Entwicklungsindizes, wie dem «Human Development Index», der zwei soziale Indikatoren einbeziehe, stelle sich unweigerlich die Frage, wie diese untereinander gewichtet werden.
Für Aussagen über globale Einkommensarmut, bleibe die IPL deshalb ein guter Indikator, sagt Günther. Und sie widerspricht Alstoms Fundamentalkritik am Weltbankwert, denn der Trend sei eindeutig: «Armut ist über die letzten 30 Jahre auch dann gesunken, wenn höhere Armutslinien oder soziale Indikatoren herangezogen werden.» Man könne jedoch durchaus darüber diskutieren, ob die Grenze genügend hoch angesetzt sei. «Erhöhen wir diese auf 10 internationale $ am Tag, so leben 60 Prozent der Menschheit in absoluter Armut.»
Für Kristina Lanz ist Armut schlicht zu komplex, als dass sie sich in einer einfachen Zahl ausdrücken liesse. «In der Politik wird natürlich sehr gerne mit einfach verständlichen Zahlen argumentiert – sowohl für als auch gegen die Wirksamkeit von Entwicklungszusammenarbeit.» Lanz räumt ein, dass auch «Alliance Sud» manchmal auf die Zahlen der Weltbank zurückgreife. «Wir versuchen jedoch diese in unserer Kommunikation stets zu kontextualisieren – und dadurch etwas Komplexität in die politischen Debatten zur Armutsreduktion einzubringen.»
Erfindung der Weltbank
Die Idee, Armut global vergleichbar zu machen, geht auf ein Weltbankteam um den kürzlich verstorbenen Ökonomen Martin Ravallion zurück. 1990 präsentierte dieses erstmals eine «International Poverty Line» (IPL) von einem internationalen Dollar (bezogen auf die Kaufkraftparität von 1985). Seither wurde dieser Indikator bei den Vereinten Nationen, bei Entwicklungsbanken und NGOs zum Standard für Aussagen über die Armutsentwicklung.
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