Auf Grosskonzerne setzen oder mit kleinen Unternehmen wachsen?
Die Zusammenarbeit mit Unternehmen ist entscheidend dafür, dass die Berufsbildung relevant und inklusiv ist und einen Bezug zum realen Arbeitsmarkt aufweist. Doch eine Frage taucht in allen Projekten und Ländern auf: Sollen wir auf grosse Unternehmen setzen oder mit Kleinstunternehmen wachsen?

Die Erfahrungen und strategischen Entscheidungen von zwei DEZA-Projekten veranschaulichen diese Debatte: Education for Employment (E4E) in Nordmazedonien und Youth for Skills in Mosambik (SIM!). Die beiden von Helvetas durchgeführten Projekte finden in sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen Kontexten statt, kommen aber zum Schluss: Der Kontext ist wichtiger als Modelle.
Wer gehört zum Privatsektor? Ein hartnäckiger Mythos wird entlarvt
Der Privatsektor wird oft mit grossen Unternehmen gleichgesetzt. Tatsächlich umfasst er jedoch alle privaten Wirtschaftsakteure, die Einkommen und Arbeitsplätze schaffen, von multinationalen Exportfirmen über Familienbetriebe bis hin zu Einzelunternehmern. Die Vielfalt in der Unternehmenslandschaft bestimmt den Arbeitsmarkt. Erkenntnisse darüber, wer tatsächlich Arbeitsplätze schafft und wie die Arbeitsmärkte funktionieren, bilden die Grundlage für jede sinnvolle Strategie zur Entwicklung beruflicher Kompetenzen, die am Privatsektor ausgerichtet ist.
In Nordmazedonien sind laut nationalen Statistiken 98,3 Prozent aller Unternehmen kleine und mittlere Unternehmen.
In Mosambik ist die Situation anders: Schätzungen des IWF und der ILO zufolge entfallen rund 80 Prozent der Gesamtbeschäftigung auf die informelle Wirtschaft. Der Grossteil dieser informellen Tätigkeiten findet in Kleinunternehmen statt, etwa in Familienbetrieben oder in Form von selbstständiger Erwerbstätigkeit in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft und im Handel.
Diese strukturellen Unterschiede sind wichtig. In stärker industrialisierten oder exportorientierten Volkswirtschaften ist der Privatsektor häufig in Handelskammern und Branchenverbänden organisiert, was ein gemeinsames Vorgehen erleichtert. In ländlichen oder informellen Volkswirtschaften gibt es in der Regel keine solche Koordination. Die Organisation des Privatsektors wird damit selbst zu einer Herausforderung für die Entwicklung.
Warum die Einbindung der Privatwirtschaft für Inklusion und Chancengleichheit wichtig ist
In beiden Projekten hat die Einbindung des Privatsektors die Art und Weise, wie berufliche Bildung mit wirtschaftlichen Chancen verknüpft wird, grundlegend verändert. Die DEZA stützt sich bei ihrem Engagement auf ihren Ansatz im Bereich der Berufsbildung, namentlich auf zentrale Elemente des dualen Berufsbildungssystems der Schweiz, wie etwa geteilte Verantwortung zwischen öffentlichen und privaten Akteuren sowie strukturiertes Lernen am Arbeitsplatz, wobei Anpassungen an die jeweiligen nationalen Gegebenheiten vorgenommen werden.
In Mosambik geht SIM! von einer einfachen, aber wichtigen Beobachtung aus: Junge Menschen lernen und arbeiten bereits lange vor dem Start eines Projekts im Privatsektor. Traditionelle Lehrstellen in Handwerksbetrieben und Kleinstunternehmen sind oft der erste und manchmal auch der einzige Einstieg in die Arbeitswelt. SIM! ermittelt Branchen mit nachweislicher Marktnachfrage, erfasst die Akteure, die bereits junge Menschen ausbilden, und bewertet deren Bereitschaft, sich systematischer zu engagieren. Die Ausbildungsinhalte werden danach in Zusammenarbeit mit diesen Akteuren entwickelt.
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Das Projekt E4E in Nordmazedonien ist in einem stärker formalisierten Arbeitsmarkt tätig, in dem die Unternehmen erwarten, dass die Absolventinnen und Absolventen schnell produktiv sind und internationale Qualitätsstandards erfüllen. Die Zusammenarbeit mit Handelskammern und Branchenverbänden ermöglicht es E4E, die Ausbildung auf exportorientierte Wachstumssektoren auszurichten. Unternehmen engagieren sich nicht nur aus sozialer Verantwortung heraus, sondern auch, weil der Fachkräftemangel die Produktivität, die Wettbewerbsfähigkeit und das Wachstum unmittelbar beeinträchtigt.
Die Analysen der DEZA zur Einbindung des Privatsektors in die Berufsbildung zeigen, dass wirksame Berufsbildungssysteme entstehen, wenn Arbeitgeber nicht nur Nutzniesser sind, sondern aktiv mitwirken, indem sie Fachwissen einbringen, Ausbildungsplätze bereitstellen und das Berufsbildungssystem mitfinanzieren.
«Nach Abschluss des Verpackungskurses wurde ich vor fast sieben Monaten angestellt», erzählt die 25-jährige Eliza José Henriques. Ihre Ausbildung beruhte auf einer Zusammenarbeit zwischen dem SIM!-Projekt und dem lokalen Agrarunternehmen RW Machamba. «Ich habe mich für den Verpackungskurs entschieden, weil ich meinen Lebensunterhalt zuvor mit dem Verkauf von Erbsen und anderen Lebensmitteln auf den Strassen der Innenstadt von Montepuez verdiente. Ich lerne gerade viel über das Konservieren von Lebensmitteln, was mir sehr wichtig ist, da ich in Zukunft ein eigenes Restaurant eröffnen möchte.»
Für Unternehmen und Handwerksbetriebe bringt ein solches Engagement konkrete wirtschaftliche Vorteile mit sich, wie etwa geringere Anstellungskosten, eine bessere Abstimmung der Qualifikationen auf die Anforderungen der Produktion sowie langfristig eine höhere Produktivität und stärkere Mitarbeiterbindung.
Wie die Einbindung in der Praxis funktioniert: kontextspezifische Strategien
Weder E4E noch SIM! starteten mit einem festen Konzept für die Einbindung des Privatsektors. Bei beiden Projekten wurden verschiedene Ansätze getestet, bevor sie unter Berücksichtigung der jeweiligen Marktgegebenheiten konsolidiert wurden.
In Nordmazedonien knüpfte E4E nach einer Zusammenarbeit mit der Handelskammer auf nationaler Ebene Kontakte zu einer Vielzahl von Unternehmen, darunter auch kleinere Betriebe. Die Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass mittlere und grosse Unternehmen hinsichtlich Reichweite und Nachhaltigkeit einen grösseren Nutzen aus ihrem Engagement ziehen. Sie verfügten über klare Personalstrategien, grössere finanzielle Kapazitäten und stärkere Anreize, in die Personalentwicklung zu investieren.
In Mosambik arbeitete SIM! auch mit grösseren Unternehmen zusammen, insbesondere im Landwirtschafts- und Bausektor, weil sie Qualitätsstandards, Praktikumsmöglichkeiten und Zugang zu formelleren Arbeitsverhältnissen bieten. In abgelegenen ländlichen Gebieten sind grosse Unternehmen jedoch oft nicht präsent, und die lokalen Unternehmen können die Zahl der jungen Menschen, die auf den Arbeitsmarkt drängen, nicht aufnehmen. In diesen Fällen bringt SIM! grössere Unternehmen mit Kleinstunternehmen und Handwerksbetrieben zusammen, die besser in der Lage sind, junge Menschen zu betreuen.
Die Grösse spielt keine Rolle, aber Anreize sehr wohl
Sowohl E4E als auch SIM! zeigen, dass zuverlässige Berufsbildungssysteme entstehen, wenn grosse und kleine Akteure miteinander vernetzt sind. Marktführer können Massstäbe setzen und Wege für Innovationen ebnen, während kleinere Unternehmen flexibler auf Veränderungen reagieren und benachteiligte Jugendliche eher erreichen.
Beim Einbezug des Privatsektors in die Berufsbildung geht es folglich weniger um einen Entscheid ob Gross- oder Kleinstunternehmen, sondern vielmehr um Anreize und Kapazitäten. Die Frage ist, wer bestimmte Hindernisse zum richtigen Zeitpunkt und auf die richtige Weise beseitigen kann. Aus systemischer Sicht können beide Arten von Akteuren Veränderungen bewirken: Grosse Unternehmen durch ihre Grösse und ihre Standards, kleinere durch Relevanz, Zugänglichkeit und Inklusion.
Über Helvetas
Helvetas ist eine unabhängige Schweizer Nichtregierungsorganisation (NGO) und eine wichtige Partnerin der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit. Sie erhält Kernbeiträge der DEZA und führt in zahlreichen Ländern Programme und Projekte im Auftrag der DEZA und des SECO durch. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf den Bereichen Wasser, Ernährung und Klima, Arbeit und Einkommen sowie Inklusion und sozialer Zusammenhalt, vor allem im Globalen Süden und in Osteuropa.
Die DEZA arbeitet mit Schweizer NGO wie Helvetas zusammen, da diese Schweizer Fachwissen und Innovationskraft mit grosser praktischer Erfahrung verbinden. Sie bringen Fachwissen, praktische Lösungen und hochwertige Dienstleistungen ein, und ihre Arbeit steht im Einklang mit der Strategie der internationalen Zusammenarbeit der Schweiz.
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