BeCool: Mit klugen Gebäuden gegen die Rekordhitze
Extreme Hitze entwickelt sich weltweit zu einer der grössten Gesundheits- und Entwicklungsherausforderungen. Während der Bedarf an Klimaanlagen rasant steigt, setzt die Schweiz bei ihrer Zusammenarbeit mit Indien auf einen anderen Ansatz: Belüftung, Beschattung, Begrünung und reflektierende Dächer sollen dafür sorgen, dass sich Gebäude gar nicht erst aufheizen. Das schützt Menschen, spart Energie und trägt dazu bei, den Klimawandel nicht weiter voranzutreiben.

An einem Tag Ende April geschah etwas sehr Ungewöhnliches. Alle 50 heissesten Städte der Erde lagen an diesem Tag in einem einzigen Land: Indien. In Städten wie Barmer, Churu oder Jhansi stiegen die Höchsttemperaturen auf fast 45 Grad Celsius. Bauarbeiter und Bauern, die ihre Felder bestellten, waren der sengenden Sonne besonders ausgeliefert. Menschen starben.
Indien steht beispielhaft für eine Entwicklung, die sich mit dem Klimawandel weltweit rasant verschärft. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation steigt die Zahl der Menschen, die extremer Hitze ausgesetzt sind, in allen Regionen der Erde «exponentiell» an. Die hitzebedingte Sterblichkeit nimmt zu. Schätzungen zufolge sterben jedes Jahr fast eine halbe Million Menschen an den Folgen extrem hoher Temperaturen. Damit ist Hitze das mit Abstand tödlichste Extremwetterereignis.
Klimaanlagen heizen den Planeten auf
In Indien, wo die Temperaturen auch mal auf über 50 Grad Celsius klettern, ist der Druck, wirksame Lösungen zu finden, besonders hoch. Wer es sich leisten kann, schützt sich mit einer Klimaanlage. Das Land gehört heute zu den weltweit am schnellsten wachsenden Märkten für diese Geräte. Derzeit verfügen etwa 8 Prozent der indischen Haushalte über eine Klimaanlage. Bis 2038 dürfte dieser Anteil auf 40 Prozent steigen. Und im gleichen Zeitraum wird sich der Energiebedarf für Kühlung auf dem Subkontinent auf 584 TWh vervierfachen. Das entspricht etwa der Leistung von 70 Kernkraftwerken.
Gerade hier liegt das Dilemma: Denn Klimaanlagen entlasten zwar kurzfristig die Menschen in Innenräumen, verursachen aber gleichzeitig grosse Treibhausgasemissionen und geben ihrerseits zusätzliche Wärme an die Umgebung ab. «Eine Klimaanlage schützt also zwar den Einzelnen», sagt Frank Bertelsbeck, Programmbeauftragter der Sektion Klima, Katastrophenvorsorge und Umwelt der DEZA und zuständig für das Thema Energieeffizienz. «Aber in der Summe helfen sie kräftig mit, den Planeten aufzuheizen.» Deshalb müsse die Kühlung von Häusern und öffentlicher Infrastruktur fundamental neu gedacht werden.
Eine Antwort lautet «BeCool»
Gemeinsam mit indischen Behörden, Städten und internationalen Partnern fördert die DEZA deshalb Lösungen, die Gebäude gar nicht erst stark aufheizen lassen. Beschattung, Belüftung, Begrünung und reflektierende Dächer sowie klimaangepasste Baumaterialien sorgen dafür, dass Innenräume auch bei grosser Hitze deutlich kühler bleiben – ganz ohne zusätzlichen Energieverbrauch oder mit deutlich geringerem Kühlbedarf. Fachleute sprechen von passiver Kühlung.
Passive Kühlung beginne bestenfalls lange bevor die erste Klimaanlage installiert werde, erklärt Bertelsbeck; nämlich bei der Planung des Gebäudes. «Wer heute klug baut, schützt Menschen über Generationen – und spart gleichzeitig Energie und Emissionen.» Mit dem Programm BeCool unterstütze die Schweiz das bevölkerungsreichste Land der Welt dabei, diesen Ansatz im grossen Massstab umzusetzen. Gemeinsam mit Ministerien, Bundesstaaten, Städten, Architekturbüros und dem Privatsektor entwickelt BeCool nicht nur konkrete Pilotprojekte, sondern Richtlinien, Bauvorschriften und Finanzierungsmodelle. «Ziel ist nicht nur, einzelne Gebäude zu kühlen, sondern passive Kühlung dauerhaft in der Stadtplanung und im Bausektor zu verankern.»
Indien schafft neue Baustandards
Die bisher erzielten Resultate zeigen, dass die Zusammenarbeit konkrete Wirkung entfaltet. Fünf Bundesstaaten und 20 Städte passen auf der geschaffenen Basis ihre Politik an und investieren in passive Kühlung. Ein Beispiel für diese Entwicklung ist Tamil Nadu. Der südlichste Bundesstaat Indiens hat erst im Juni 2026 eine Standardarbeitsanweisung für kühlende Dachbeschichtungen eingeführt. In 12 Schritten beschreibt sie Planung, Materialwahl, Anwendung und Qualitätssicherung für den Bau von Wohnhäusern, Schulen und öffentlichen Gebäuden und schafft damit erstmals einen einheitlichen Standard für diese Technologien.
«Ziel ist es, solche Standards für ganz Indien zu verankern», sagt Frank Bertelsbeck. Das Land biete aufgrund seiner Grösse ein enormes Potenzial, Lösungen im grossen Massstab umzusetzen. Schätzungen zufolge kann der Kühlenergieverbrauch in Indien um bis zu 20 Prozent gesenkt werden. Oder anders ausgedrückt: Jährlich können durch relativ einfache Massnahmen rund 200 Millionen CO2-Äquivalente eingespart werden. Zum Vergleich: Das ist rund fünf Mal so viel wie die Schweiz jährlich emittiert.
Hitze lähmt die Entwicklung
Der Zeitpunkt ist entscheidend. «Ein grosser Teil der Gebäude, die Indien im Jahr 2050 nutzen wird, existiert heute noch nicht», erklärt Bertelsbeck. Jede Schule, jedes Wohnhaus und jedes Spital, das heute klimaangepasst gebaut wird, spart in den kommenden Jahrzehnten Energie und verbessert gleichzeitig den Schutz vor extremer Hitze. Tamil Nadu liefert ein praxisnahes Modell, wie Städte im Globalen Süden auf zunehmende Hitze reagieren können – schnell, wirksam und sozial inklusiv.
«Hitze entwickelt sich zu einer der grössten Entwicklungsherausforderungen», so Frank Bertelsbeck. Und sie betreffe längst nicht mehr nur die Gesundheit: «Extreme Hitze belastet Landwirtschaft und Lebensmittelversorgung, senkt die Produktivität, treibt den Energieverbrauch in die Höhe und verschärft soziale Ungleichheiten.»
Der Klimawandel kennt keine Landesgrenzen. Was in Indien gelingt, wirkt auch über seine Grenzen hinaus. Wenn es gelingt, den Energieverbrauch und die CO₂-Emissionen des Gebäudesektors in einem der bevölkerungsreichsten Länder der Welt deutlich zu senken, profitiert davon das globale Klima – und damit auch die Schweiz. Denn jedes Zehntelgrad weniger Erderwärmung bedeutet weniger Extremwetter, weniger Hitzewellen und mehr Lebensqualität – überall.

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Der Bausektor verursacht ein Drittel der globalen CO₂-Emissionen. Seit 20 Jahren unterstützt die DEZA nachhaltigeres, resilienteres Bauen. Interview mit Christian Frutiger, Vizedirektor der DEZA.

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Hitzewellen betreffen die Schweiz genauso wie die Länder des Südens. In Episode 18 des Podcasts Why Care spricht Mirjam Macchi Howell, Leiterin der Sektion Klima, Disaster Risk Reduction und Umwelt, über Projekte zur Kühlung von Gebäuden und Städten sowie über die Rolle der Schweiz auf multilateraler Ebene. Hier klicken, um die Episode zu hören.

Verringerung des ökologischen Fussabdrucks im Bereich humanitäre Unterkünfte
Webartikel zum Shelter Sustainability Assessment Tool, das vom Geneva Technical Hub mit Unterstützung der DEZA entwickelt wurde.
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