Der moderne Ziegelstein im Dienst des Klimas
Städte in ganz Afrika wachsen ungebremst. Mit ihrem Projekt PROECCO unterstützt die DEZA in der Region der Grossen Seen den nachhaltigen Städtebau. Im Zentrum des Projekts ist eine Technologie zur Herstellung von modernen Ziegelsteinen. Allein in der ruandischen Hauptstadt Kigali hat das Projekt seit seinem Start 2013 zu einer Reduktion von 115'000 Tonnen CO2-Emissionen geführt.

Weite Savannen, wo menschliches Leben sich schwierig gestaltet, prägen die afrikanische Landschaft. Tiere sammeln sich an Flüssen und Wasserlöchern. So lautet die stereotypische Beschreibung des afrikanischen Landschaftsbilds. Sie blendet ein wesentliches Element der Realität des Kontinenten aus – die Urbanisierung. Gemäss Weltbank lebten 2023 43% der südlich der Sahara lebenden Menschen in einem städtischen Umfeld. Tendenz steigend. Im Kontext der Klimakrise stellt diese rasante Urbanisierung eine wesentliche Herausforderung dar.
Trotz ihrem primären Fokus auf ländliche Entwicklung hat sich die DEZA in der Region der Grossen Seen (Demokratische Republik Kongo, Ruanda, Burundi) – einem Hotspot der Urbanisierung – mit einem Projekt profilieren können, welches eine nachhaltige Stadtentwicklung anstrebt. PROECCO (Promoting Employment through Climate-responsive Construction), das von dem Schweizer Beratungsunternehmen SKAT umgesetzt wird, fördert durch klimafreundlichen Bau die Erwerbstätigkeit. Somit verfolgt die DEZA das Ziel, einerseits die Erwerbstätigkeit in Städten anzukurbeln und andererseits die Klimaschädlichkeit des Bausektors zu reduzieren. Ermöglich wird dies durch einen modernen Ziegelstein.
Die städtische Klimabelastung
Die Migration in die Städte lässt sich durch die zunehmend unsicheren Lebensumstände in ruralen Gebieten erklären. Der Klimawandel übt verheerende Konsequenzen auf Bevölkerungen aus, deren Überleben von der Landwirtschaft abhängt. Klimabedingte Ernteausfälle setzen Bauern und Bäuerinnen unter erheblichen Druck. Abseits der Landwirtschaft fehlen im ländlichen Raum nachhaltige Erwerbsmöglichkeiten. Jene, die besonders Pech haben und in einer Konfliktregion leben, müssen sich zudem vor bewaffneten Gruppen fürchten. Städte dienen aber nicht nur als Zuflucht, sondern bieten auch eine realistische Aussicht auf wirtschaftlichen Aufstieg.
Die städtische Infrastruktur kann den Zufluss an Menschen in der Regel jedoch nicht bewältigen. Die Nachfrage nach Arbeit wird vom Markt nicht gedeckt, viele Neuankömmlinge verweilen unterbeschäftigt im informellen Sektor. Ihr Zuhause finden sie oftmals in informellen Siedlungen, welche klimabedingten Katastrophen besonders ausgeliefert sind. «Neuankömmlinge in der Stadt bauen ihre Häuser wie sie es von ihrem Dorf kennen. Entsprechend bauen sie in sehr dicht besiedelten Quartieren kleine Häuser, die extremen Wetterbedingungen nicht standhalten können», erklärt Daniel Wyss, PROECCO-Projektverantwortlicher bei SKAT. Daraus folgt, dass das Leben in der Stadt für viele Migranten und Migrantinnen eine fragile Existenzgrundlage liefert. PROECCO wirkt dieser Problematik in mehreren Hinsichten entgegen: das Projekt schafft Stellen im formellen Bausektor und errichtet qualitativ hochwertige Siedlungen.
Neuankömmlinge in der Stadt bauen in sehr dicht besiedelten Quartieren kleine Häuser, die extremen Wetterbedingungen nicht standhalten können.
Die Konstruktion von informellen Siedlungen belastet Klima und Umwelt stark: Zement und traditionelle Ziegelsteine sorgen in ihrer Produktion für erhebliche CO2-Emissionen. In der Region der Grossen Seen wird die Urbanisierung von einer ungezügelten Produktion von lokalen Baumaterialien begleitet, welche viel CO2 ausstösst. Dazu kommt eine ungedämmte Abholzung, um traditionelle Ziegelsteine zu brennen.
Der «moderne» Ziegelstein
Eine grüne und klimafreundliche Urbanisierung ist also sehr wichtig, denn diverse Städte in Afrika werden sich im Verlauf des Jahrhunderts zu Metropolen entwickeln. PROECCO hat sich hierbei als innovatives Projekt profiliert und in Ruanda, Burundi und der Demokratischen Republik Kongo den Grundbaustein für eine nachhaltige Urbanisierung gelegt. Denn im Zentrum des Projekts ist eine neue Technologie, welche diese Urbanisierung ermöglicht – der moderne Ziegelstein. Dieser hat im Gegensatz zum traditionellen Ziegelstein mehrere Eigenschaften, die zu seiner Nachhaltigkeit beitragen:
- Er ist formgenau und braucht deshalb wenig Zementmörtel;
- Er ist druckfest, was mehrstöckiges und folglich verdichtetes Bauen erlaubt;
- Er ist wetterfest, dauerhaft und wartungsfrei, wodurch die Instandhaltung der gebauten Infrastruktur leicht und kostengünstig ist;
- Er wird mit Bio-Abfällen gebrannt. Dadurch ist seine Herstellung nahezu CO2-neutral.
Da der moderne Ziegelstein in der Industrie einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt hatte, galt es in der letzten Phase des Projekts, den lokalen Privatsektor zu fördern mit dem Ziel, grossflächige Wirkung zu erzielen.

Vom nachhaltigen Bau zur nachhaltigen Stadtentwicklung
Entsprechend hat sich auch die Art der Intervention des Projekts gewandelt. In den letzten Jahren stand der Wissenstransfer im Zentrum der Aktivitäten. Somit wird die Verantwortung für den weiteren Verlauf des Projekts Berufsbildungszentren, lokalen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) und öffentlichen Einrichtungen, die für die Urbanisierung zuständig sind, übergeben. Dahinter steckt die Hoffnung, dass der Sektor durch die Ausbildung von Ingenieuren, Bauarbeitern und weiteren im Bauprozess involvierten Akteuren genug fortgeschritten ist, um sich selber tragen zu können.
Trotz der starken Zementindustrie und verbreiteten traditionellen Baumethoden spricht SKAT von einer «überraschend schnellen Marktpenetration» - ein Indiz für den Erfolg des Projekts. Sobald alle KMU-Betriebe, die momentan noch im Aufbau sind, wirtschaftlich aktiv werden, wird PROECCO eine Verzehnfachung der Produktion ausgelöst haben. Gemäss Schätzungen werden dank des Projekts in der ruandischen Hauptstadt Kigali künftig jedes Jahr mehr als 125'000 Tonnen CO2 pro Jahr gespart.
Die klimaverträgliche Stadt der Zukunft ist momentan im Bau
Afrikanische Städte wachsen in einem noch nie gesehenen Tempo. Die Entscheidungen, die heute gefällt werden, prägen die Entwicklung dieser Metropolen nachhaltig. Die Schweiz zielt mit ihrer Unterstützung für PROECCO darauf ab, zur innovativen und grünen Transformation des urbanen Raums beizutragen.
Die von PROECCO unterstützte inklusive Transformation informeller Siedlungen unter Verwendung lokal produzierter und nachhaltiger Baumaterialien hat die Widerstandsfähigkeit der Stadtbevölkerung gegenüber Naturkatastrophen, die durch den Klimawandel noch verschärft werden, erhöht.
Die Ziegelstein-Technologie entwickelt sich in der Zwischenzeit weiter und ist in immer mehr Städten anzutreffen, beispielsweise in Dar es Salaam und im urbanen Korridor von Abidjan nach Lagos in Westafrika. Das afrikanische Landschaftsbild bleibt also in regem Wandel.
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