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MitteilungVeröffentlicht am 26. Mai 2020

Ein Lastwagen gegen Kinderehen

Ein Lastwagen, der sich in eine Theaterbühne verwandeln lässt, fährt durch die abgelegenen Dörfer Marokkos. Er bringt die Schauspielkunst unter die Leute und sensibilisiert sie für die Gefahren von Kinderehen.

Ein Lastwagen wird zur Bühne: Eine Theatergruppe durchquert Marokko und macht mit ihren Stücken auf die negativen Auswirkungen von Kinderehen aufmerksam.

Autorin: Zélie Schaller

Amal ist ein ebenso verträumtes wie talentiertes und optimistisches marokkanisches Mädchen. Sie geht gerne zur Schule, möchte eine Ausbildung machen, doch ihr Vater hegt andere Pläne: Er hat sie einem Mann versprochen. Die Jugendliche ist aufgewühlt und leidet an Albträumen. Kann sie ihre Ängste überwinden? Findet sie den Weg aus dem Dunkel ins Licht?

Amal (auf Arabisch «Mut) ist die Hauptdarstellerin im Stück «Die Mauer». Die von der DEZA unterstützte Produktion der Truppe «Theater für alle» wird in einem Lastwagentheater mit dem Namen «Aji Tfarej» (Komm schauen) gespielt. Vergangenen Winter war die Truppe in Marokko unterwegs und gab über 40 Vorstellungen.

Das Stück eignet sich für jegliches Publikum und hat zwei Botschaften. Die erste: «Ein Kind zu verheiraten heisst, ihm seine Kindheit zu stehlen», sagt Hamza Boulaiz, Direktor des «Theaters für alle». Die zweite: «Alle Kinder müssen zur Schule gehen können und ihren eigenen Weg wählen können.»

Kein Entkommen aus Negativspirale

Auf der Bühne symbolisiert eine Mauer all das, was Amal daran hindert, selbst zu entscheiden. Das Stück zeigt die schwerwiegenden Konsequenzen von Frühehen für Minderjährige und ihre Gemeinschaft. Das Risiko ist zunächst gesundheitlicher Art: Komplikationen während Schwangerschaft und Geburt gehören zu den häufigsten Todesursachen bei den 15- bis 19-Jährigen. Die Mädchen-Gattinnen entwickeln überdies häufiger eine Depression; oft begleitet von Isolation, häuslicher Gewalt und sexuellem Missbrauch.

Kommt hinzu, dass frühe Heirat zu grösserer Armut führt. Sind die Mädchen erst einmal verheiratet, gelten sie als erwachsen und müssen Hausarbeit und Kindererziehung übernehmen. Die jungen Mütter sind gezwungen, die Schule aufzugeben. Ohne Ausbildung finden sie allerdings kaum eine Stelle und können ihre Familie nicht unterstützen. Aus dieser Negativspirale ist kaum ein Entkommen. Das für die Entwicklung der Gemeinschaft verlorene Potenzial ist hoch.

Amal ist die Hauptdarstellerin im Stück «Die Mauer» – sie träumt davon zu studieren, doch ihr Vater will sie statt dessen verheiraten.

Viel zu viele Ausnahmen

In Marokko steigt die Anzahl an Frühehen. Laut Amina Bouayach, Präsidentin des nationalen Rats für Menschenrechte, wurden 2018 mehr als 40 000 Minderjährige verheiratet. Die Situation dürfte weit alarmierender sein, erfasst die Statistik doch bloss die legalen Heiraten. Die informell, oft von im Ausland lebenden Männern und gewissenlosen Vätern «vertraglich» geschlossenen Ehen tauchen in den offiziellen Angaben gar nicht erst auf.

Seit 2004 ist diese Praxis, die städtische und ländliche Gebiete gleichermassen betrifft, im Prinzip verboten. Damals wurde das marokkanische Familienrecht «Moudawana» überarbeitet, um die Stellung der Frauen zu verbessern. Die Ehemündigkeit wurde von 15 auf 18 Jahre verlegt, wobei die Moudawana für Sonderfälle Ausnahmen vorsieht. Auf Antrag der Eltern kann ein Gericht die Vermählung unter 18-Jähriger zulassen. Sein Entscheid ist unwiderruflich und nicht anfechtbar. Rund 25 000 Ausnahmen wurden 2018 bewilligt, was zu einem Anstieg der Frühehen geführt hat; in allen Fällen ging es um Mädchen. Feministische Organisationen fordern die Aufhebung dieser Ausnahmeregelung. Die Behörden sind sich des Problems bewusst und haben eine Studie in Auftrag gegeben.

Unterdessen sensibilisiert die Truppe «Theater für alle» Eltern und Gesellschaft mit ihrem Stück, in dem vier junge Profischauspieler auftreten: In der 38 Quadratmeter grossen schwarzen Kiste des Theaterlastwagens entfaltet dieses einen unwiderstehlichen Sog. «Die Emotionen sind stärker als in einem grossen Theater», unterstreicht Hamza Boulaiz. «Freude, Traurigkeit und Empathie erfassen nacheinander das Publikum.»

Parallel zum Theaterstück werden für die Kinder Workshops durchgeführt.

Debatten anstossen

Vor den Vorstellungen werden in marokkanischem Arabisch und in der Berbersprache Einführungen in die Theaterarbeit angeboten. Die Aktivitäten finden draussen statt – in einer Schule oder einem Jugendtreff. Die Kinder und Jugendlichen lernen, die Bühne mit ihrem Körper und ihrer Stimme zu bespielen und werden gar dazu animiert zu improvisieren. «Oft ist es das erste Mal, dass sie an einem solchen Workshop teilnehmen und eine Aufführung sehen», sagt Hamza Boulaiz.

Dank dem zur mobilen Theaterbühne umfunktionierten Lastwagen lassen sich auch in abgelegenen Gegenden Debatten über Themen anstossen wie Kinderheirat, Geschlechterbeziehungen, Minderheiten, Diskriminierungen und Extremismus. Er bringt die Theaterwelt und die freie Meinungsäusserung zu allen Bevölkerungsteilen. Die 2010 gegründete Truppe «Theater für alle» prangert das Verweigern von Rechten im Namen von Religion, Politik und Tradition an und will eine kulturelle Bewegung anregen, die die marokkanischen Bürgerinnen und Bürger mit einschliesst.

Zuschauer am Theaterstück «Die Mauer».

Kontakt

Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA)
Eichenweg 5
3003 Bern