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MitteilungVeröffentlicht am 25. November 2020

«Entwicklung ohne Kunst und Kultur ist schwer vorstellbar»

Karima Bennoune ist UNO- Sonderberichterstatterin für kulturelle Rechte. Im Interview spricht sie über die Bedeutung von Kultur und Kunst für die Entwicklungszusammenarbeit und den Kampf gegen Extremismus.

Karima Bennoune, UNO-Sonderberichterstatterin für kulturelle Rechte.

Autor: Christian Zeier

Provokativ gefragt: Sind Kultur und Kunst nicht Luxusgüter einer Gesellschaft?

Ganz klar nein. Kultur und Kunst haben einen sehr hohen Eigenwert: Sie dringen zum Kern dessen vor, was uns als Menschen ausmacht – zu unseren Vorstellungen über uns selbst und unserem Verständnis der Welt. Und sie haben einen instrumentellen Wert, weil sie helfen können, andere Menschenrechte wie das Recht auf Bildung oder das Recht auf freie Meinungsäusserung zu stärken.

Werden die kulturellen Rechte dementsprechend wertgeschätzt?

Leider nicht. Sie werden noch allzu oft als sekundäre oder subsidiäre Rechte angesehen, obwohl sie gleichberechtigt in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte enthalten sind. Kultursektoren auf der ganzen Welt sind unzureichend finanziert und die Verteidiger der kulturellen Rechte sind oft zu wenig sichtbar. Deshalb ist es so wichtig, dass das von der Unesco gesetzte Ziel von einem Prozent der Ausgaben für Kultur erreicht wird.

Was sind kulturelle Rechte?

Laut UNO schützen kulturelle Rechte «das Recht aller Menschen, einzeln und in Gemeinschaft, ihre Menschlichkeit, Weltanschauung sowie die Bedeutungen, die sie ihrer Existenz und ihrer Entwicklung geben, unter anderem durch Werte, Glauben, Überzeugungen, Sprachen, Wissen und Kunst, Institutionen und Lebensweisen zu entwickeln und zum Ausdruck zu bringen.» Kulturelle Rechte schützen zudem «den Zugang zu Kulturerbe und Ressourcen, die solche Identifikations- und Entwicklungsprozesse ermöglichen».

www.ohchr.org (Cultural Rights)

Woher kommt die fehlende Wertschätzung?

Das geht wohl auf Ihre erste Frage zurück, auf die Auffassung von Kultur und Kunst als etwas, das weniger grundlegend ist als andere Rechte. Dabei habe ich schon mit Menschen in sehr verletzlichen Situationen gesprochen, die Kunst und Kultur als Lebensader, als Quelle der Widerstandsfähigkeit empfanden.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Bevor ich Sonderberichterstatterin wurde, interviewte ich unter anderem einen somalischen Dramatiker und Leiter eines Orchesters. Er erzählte mir, wie er in den 1990er-Jahren fliehen musste und in einem kenianischen Flüchtlingslager Kunst und Kultur am Leben erhielt. Weil das seine Verbindung zur Heimat und zu einer potenziell besseren Zukunft war. Er erhielt Morddrohungen für seine Hörspiele – und machte trotzdem weiter. Weil die Kunst für ihn nicht optional war. Sie gab ihm Hoffnung und war deshalb fast so wichtig wie die Nahrung, die er erhielt.

Welche Rolle spielen kulturelle Rechte in der Entwicklungszusammenarbeit?

Mein Verständnis von nachhaltiger Entwicklung ist, dass sie ganzheitlich geschieht. Und da Kultur ein integraler Teil unserer Erfahrung als Mensch ist, kann ich mir nur schwer ein Konzept von Entwicklung vorstellen, in dem Kultur und Kunst keine Rolle spielen. Weshalb denken wir, dass jemand, der mit existenziellen Herausforderungen wie Hunger und Arbeitslosigkeit konfrontiert ist, nicht das gleiche Recht auf Kunst und Kultur hat wie jeder andere Mensch?

Lassen sich Kunst und Kultur überhaupt klar definieren?

Wir haben uns für eine ganzheitliche Definition entschieden. Die schliesst das ein, was man früher Hoch- und Populärkultur genannt hätte, aber auch eine Vielfalt von künstlerischen und kulturellen Praktiken, Sprachen, Weltanschauungen, Traditionen und kulturellem Erbe. In einem solch breiten Feld mussten wir natürlich strategische Prioritäten herauspicken. Zum Beispiel Diskriminierung oder Gleichberechtigung bei der Teilnahme am kulturellen Leben.

Die Kunst war für ihn nicht optional, sie gab ihm Hoffnung und war deshalb fast so wichtig wie die Nahrung, die er erhielt.
Karima Bennoune

Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen im Bereich der kulturellen Rechte?

Ich könnte tausend Herausforderungen aufzählen, aber ganz wörtlich gesprochen, ist der Klimawandel wohl die grösste Bedrohung. Ich denke etwa an Orte wie den Inselstaat Tuvalu. Dort gibt es eine Bibliothek direkt am Ufer, welche unglaublich wichtige Dokumente zur Kultur und Geschichte des Landes beherbergt. Und der Chefbibliothekar versucht verzweifelt herauszufinden, was er gegen den steigenden Meeresspiegel tun soll. Für mich heisst das: Wir müssen untersuchen, welche negativen Auswirkungen der Klimawandel auf die Kultur und die kulturellen Rechte hat. Und wir müssen uns damit befassen, wie Kultur und traditionelles Wissen dabei helfen können, in einer die Menschenrechte achtenden Weise auf den Klimawandel zu reagieren.

Stimmt Sie Ihre bisherige Zeit als Sonderberichterstatterin eher optimistisch oder pessimistisch?

Es gibt eine Menge Gründe, pessimistisch zu sein. Ich denke da an all die Verteidiger kultureller Rechte, die im Gefängnis sitzen, an all die Künstlerinnen, die in Gefahr sind, die fliehen müssen oder ihr Leben verlieren. Aber es gibt auch vieles, das optimistisch stimmt. UNO-Generalsekretär António Guterres sprach letztes Jahr davon, dass immer mehr Menschen auf der ganzen Welt die kulturellen Rechte verteidigen und erkennen, wie wichtig sie für den Erhalt unserer Vielfalt sind. Ich war begeistert. Es fühlte sich an, als wären die kulturellen Rechte angekommen.

Mit «Your Fatwa Does Not Apply Here» haben Sie als Privatperson ein Buch über Extremismus und Fundamentalismus geschrieben. Kann Kultur auch Teil des Kampfes gegen Extremismus sein?

Absolut. Ich war erstaunt, wie die Menschen, die gegen den Extremismus arbeiten, im Kultursektor engagiert sind. Kunst und Kultur sind eine wunderbare Möglichkeit, extremistischen und fundamentalistischen Erzählungen entgegenzuwirken. Sie schaffen eine Vielfalt von Ausdrucksformen, Alternativen für junge Menschen, und Raum, um Beschwerden auf positive Art und Weise auszudrücken. Das ist genau das Gegenteil der fundamentalistischen und extremistischen Weltsicht. Man hört oft: «Oh, wir können Kunst und Kultur nicht finanzieren, weil wir mit dem Kampf gegen den Extremismus beschäftigt sind». Ich sage: Diese Dinge gehören zusammen.

Karima Bennoune wurde 2015 zur UN-Sonderberichterstatterin für kulturelle Rechte ernannt. Sie wuchs in Algerien sowie den USA auf und ist unter anderem Professorin für Rechtswissenschaften an der University of California, Davis School of Law. Bennoune arbeitet seit mehr als 20 Jahren weltweit mit Feldmissionen, Wahlbeobachtungen und Forschungen auf dem Gebiet der Menschenrechte. Für ihr Buch «Your Fatwa Does Not Apply Here» hat sie 2014 den Dayton Literary Peace Prize erhalten. Das Werk basiert auf rund 300 Interviews mit Menschen aus 30 Ländern und erzählt die Geschichten von Menschen muslimischen Ursprungs, die sich gegen den Extremismus wenden.

Kontakt

Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA)
Eichenweg 5
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