«Es ist schön zu sehen, was wir zuerst auf Papier erarbeitet haben»
Haiti ist das ärmste Land in Lateinamerika und eines der fragilsten weltweit. Seit Sommer 2024 ist die Schweiz mit einem Humanitären Büro in Port-au-Prince vertreten. Die Leiterin Nina Astfalck beschreibt ihren Alltag.

Wie sieht dein Durchschnittsarbeitsalltag aus?
Ich stehe vor 6 Uhr auf, meditiere und trinke einen Kräutertee auf der Terrasse. Diese Zeit am Morgen ist für mich sehr wichtig. Mein Handy schaue ich erst nach dem Frühstück an, bevor ein Chauffeur mich in einem kugelsicheren Auto abholt. Im Büro besuche ich einmal am Tag alle Mitarbeitenden, um ihnen persönlich Hallo zu sagen. Es arbeiten vier Expats und 18 Lokalangestellte im Büro in Port-au-Prince. Zu unserem Portfolio gehört auch das Büro für Direktaktion in Port Salut. Mein Arbeitstag beginnt mit E-Mails und ist von vielen internen und externen Sitzungen geprägt. Den Mittwochnachmittag halte ich frei für das stille Arbeiten.
Und dein Feierabend?
Mein Feierabend ist vom Sport geprägt. Ein haitianischer Coach macht mehrmals die Woche mit mir Muskeltraining und Cardio. Das ist für mich ein Highlight. Einmal die Woche gehe ich ins Yoga; die Stunde fühlt sich oft an wie Ferien.
Was waren deine ersten Eindrücke als du in Haiti angekommen bist?
Mir fiel auf, wie kreativ und künstlerisch Haiti ist. Ich konnte zu Beginn eine Aufführung besuchen, in der junge Menschen mit Tanz und Gesang die Herausforderungen des Landes thematisierten. Das hat mich tief bewegt.
Wie zeigt sich Haitis Fragilität in deiner Arbeit?
Die Bedürfnisse in Haiti sind enorm und die Unterschiede zwischen Arm und Reich sind riesig. Der Staat hat wenig Kapazitäten, um auf die Situation der Menschen zu reagieren und ihre Rechte garantieren zu können. Die Sicherheitssituation kann sich schnell ändern.
Was ist die grösste Herausforderung?
Die Zusammenarbeit mit den Behörden ist nicht immer einfach, staatliche Akteure spielen in unseren Projekten eine wichtige Rolle, oft fehlen ihnen aber die Kapazitäten und Mittel, um diese Rolle adäquat spielen zu können. Die Kompetenzen der lokalen Bevölkerung, mit der wir eng zusammenarbeiten, müssen adäquat gestärkt werden. Die Gewalt ist in verschiedenen Formen weit verbreitet; die soziale Kohäsion ist fragil. Wir müssen sehr flexibel sein.
Sind Feldbesuche möglich? Bleibt dir einer besonders in Erinnerung?
Die Sicherheitssituation ist vor allem in Port-au-Prince sowie in zwei weiteren Departementen sehr angespannt. Dort ist die Bewegungsfreiheit reduziert. Im Departement du Sud sind regelmässige Feldbesuche möglich. Im Dezember 2025 besuchten wir in einem entlegenen Teil der Südküste mit dem Welternährungsprogramm (WFP) eine «Association Villageoise d’epargne et de crédit», die aus Frauen besteht. Sie trafen sich im Hof unter einem Mangobaum und sangen, bevor sie mit der Vergabe und Zahlung von Krediten begannen. Die Buchhaltung haben sie mit grösster Präzision gemacht. Ihre Würde und Resilienz unter schwierigen Umständen haben mich sehr berührt.
Wie präsent sind die Auswirkungen der Naturkatastrophen, die Haiti heimgesucht haben, noch?
Diese Ereignisse sind immer noch präsent. Wir arbeiten vorwiegend im Süden von Haiti, der im 2016 vom Hurrikan Matthew und im 2021 von einem Erdbeben betroffen war. Hinzu kommt der Hurrikan Melissa im November 2025. Meine Arbeit ist also direkt mit diesen Ereignissen verknüpft. Die Direktaktion (ein von der DEZA selbst durchgeführtes Projekt) soll die Risiken von Naturkatastrophen verringern und Massnahmen fördern, die lokal zu einer nachhaltigen Nutzung von natürlichen Ressourcen beitragen. Es werden zum Beispiel multifunktionale Schutzräume gebaut, in denen die Bevölkerung Zuflucht finden kann. Es stärkt auch die Kapazitäten von lokalen Zivilschutz-Komitees.
Welcher Teil deiner Arbeit bringt dir am meisten Befriedigung?
Erstens, die Zusammenarbeit mit meinem Team – in Sitzungen wird viel gelacht. Zweitens, die Projektbesuche: Es ist schön zu sehen, was wir zuerst auf Papier erarbeitet haben, und mit den Leuten darüber zu sprechen, was ihnen das Projekt bringt. Und drittens, die Koordination und die gute Zusammenarbeit mit Vertreterinnen und Vertretern anderer Büros in Port-au-Prince. Es macht mir Spass, das humanitäre Büro vertreten zu dürfen.
Du möchtest weiterhin in fragilen und hochfragilen Kontexten tätig sein. Warum?
Meine Motivation, in fragilen Kontexten zu arbeiten, gründet sich auf der Solidarität und den humanitären Werten. Ich möchte in meiner Arbeit mit den Menschen vor Ort Lösungen finden, damit sich ihre Situation verbessert. Fachtechnisch interessiert mich die Komplexität der Arbeit in fragilen Kontexten. Man muss ständig mehrere Ebenen im Blickwinkel behalten, verschiedene Methoden-, Fach- und Sozialkompetenzen werden gleichzeitig gefordert.
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