Fliessendes Wasser schafft Sicherheit. Die Schweiz stärkt Gemeinden in Bosnien.
In Prijedor hatte Mile Prokopić seit 1992 kein Wasser zu Hause. Heute fliesst es – dank einem Projekt, das weit mehr leistet als Rohre zu verlegen. Das Schweizer Municipal Environmental Governance-Projekt stärkt in 30 Gemeinden die lokale Gouvernanz, bringt Menschen über ethnische Grenzen zusammen und zeigt: Funktionierende Gemeinden stärken das Vertrauen in Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte - Prioritäten des Schweizer Vorsitzes der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE).

Mile Prokopić lebt seit 1992 im Quartier Čirkin Polje in Prijedor, einer Stadt im Nordwesten Bosnien und Herzegowinas. Dreissig Jahre lang hatte er kein kommunales Wasser. «Einige Häuser haben sich selbst an eine Leitung angeschlossen, aber ich und ein paar andere Haushalte hatten gar kein Wasser», erzählt er. Sechs Personen aus zwei Familien versorgten sich über einen Brunnen, den Prokopić selbst gegraben hatte.
Heute wird in Čirkin Polje gebaut. Neue Leitungen ersetzen ein marodes Netz, das bis zu 80 Prozent des Wassers durch Lecks verlor. 355 Haushalte profitieren von der Rekonstruktion, 30 Familien in schwieriger finanzieller Lage erhalten erstmals einen Anschluss. «Das Wasser, das jetzt installiert wird, ist eine Lebensader für dieses Quartier», sagt Prokopić.
Das Projekt hinter dieser Veränderung heisst Municipal Environmental Governance – kurz MEG. Es wird vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) umgesetzt und von der Schweiz, Schweden, Tschechien und der Europäischen Union gemeinsam finanziert. In seiner zweiten Phase (2021–2025) arbeitet MEG mit 30 Gemeinden in ganz Bosnien und Herzegowina – in beiden Entitäten des Landes, der Föderation BiH und der Republika Srpska.
Mehr als Infrastruktur: Gouvernanz von unten
Doch MEG verlegt nicht nur Rohre. Das Projekt stärkt die Verwaltungskapazitäten der Gemeinden – in der Planung, Budgetierung und Transparenz. Es fördert die Bürgerbeteiligung, unter anderem über die Online-Plattform eCitizen (www.ecitizen.ba), und harmonisiert lokale Regulierungen mit EU-Standards. Rajka Zdjelar, Projektkoordinatorin in Prijedor, bringt es auf den Punkt: Die Strategie der Stadt ist es, allen Bürgerinnen und Bürgern rund um die Uhr Zugang zu Trinkwasser zu sichern. MEG liefert die Mittel und das Wissen dafür.
Im ersten Förderzyklus erhielten acht Gemeinden – darunter Prnjavor, Žepče, Prijedor und Trebinje – insgesamt 950’000 US-Dollar für Umweltinfrastrukturprojekte. Die Vergabe folgt einem Leistungsprinzip: Je konsequenter eine Gemeinde die vereinbarten Reformen umsetzt, desto höhere Fördermittel kann sie beantragen. Mato Zovko, Bürgermeister von Žepče, beschreibt die Wirkung so: Das Projekt habe seine Gemeinde offener und bereiter gemacht, sich neuen Herausforderungen auf dem Weg zur europäischen Integration zu stellen – und die eigene Verwaltung mit europäischen Standards in Einklang zu bringen.
Die nächste Generation: Junge Fachkräfte für die Wasserbranche
Besonders bemerkenswert ist die Jugendkomponente des Projekts. Junge Fachkräfte aus Wasserversorgungsunternehmen in 30 Partnergemeinden haben in beiden Entitäts-Wasserverbänden eigene Subkomitees gegründet. Sie tauschen Wissen aus, entwickeln innovative Lösungen und arbeiten an einer «Water Academy» – einem Ausbildungsprogramm für die nächste Ingenieurgeneration. «Ohne junge Fachkräfte gibt es keine Zukunft», sagt Petar Topić, einer der Initianten.
Dass diese jungen Menschen aus beiden Entitäten – und damit über die ethnischen Trennlinien des Landes hinweg – gemeinsam an der Zukunft der Wasserversorgung arbeiten, ist in Bosnien und Herzegowina alles andere als selbstverständlich. Mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem Krieg prägt die ethnische Teilung nach wie vor die politische Landschaft. Dass Gemeinden aus der Föderation BiH und der Republika Srpska im Rahmen von MEG zusammenarbeiten, ist deshalb ein bemerkenswerter Beitrag zum Vertrauensaufbau.
Entwicklung als Sicherheitsarbeit
Was hat das mit Sicherheit zu tun? Sehr viel. Sicherheit entsteht nicht nur durch Diplomatie oder militärische Mittel. Sie entsteht auch dort, wo Gemeinden funktionieren, wo Bürgerinnen und Bürger Vertrauen in ihre Institutionen haben und wo Menschen verschiedener Herkunft gemeinsam an Lösungen arbeiten. Das Schweizer Engagement in Bosnien und Herzegowina zeigt: Entwicklungszusammenarbeit ist Sicherheitsarbeit. Sie baut Vertrauen auf, stärkt den Staat von unten und schafft die Grundlage für langfristige Stabilität.
Für Mile Prokopić in Prijedor ist das keine abstrakte Formel. Er wartet darauf, dass die Arbeiten abgeschlossen werden, damit er – als Bürger von Prijedor – endlich auch kommunales Wasser hat. «Ich kann es kaum erwarten», sagt er. In diesem Satz steckt mehr als Ungeduld. Es steckt das Vertrauen, dass der Staat liefert.
Links
Kontakt
Eichenweg 5
3003 Bern