Forumtheater am Puls der Menschen
Verletzlichkeiten, Abhängigkeiten und Machtverhältnisse in der internationalen Zusammenarbeit stehen in direktem Zusammenhang mit dem Risiko sexueller Ausbeutung, sexuellen Missbrauchs und sexueller Belästigung. Es ist unsere Pflicht, solche Risiken zu erkennen und nach dem «Do no harm»-Ansatz anzugehen. In Tansania und im somalisprachigen Horn von Afrika setzt das von der Schweiz entwickelte Forumtheater Fit for PSEAH? lokale Sprachen, Geschichten und kulturelle Bezüge in den Mittelpunkt und befähigt so lokale Schauspielerinnen und Schauspieler sowie Zuschauerinnen und Zuschauer, sexuelle Ausbeutung, Missbrauch und Belästigung durch ihr eigenes Forumtheater vorzubeugen.

Wie beginnt man ein vernünftiges Gespräch über sexuelle Ausbeutung, Missbrauch und Belästigung – Themen, über die man ungern offen spricht?
Der erste Schritt ist manchmal, eine Bühne zu betreten. Im Forumtheater schaut das Publikum nicht einfach zu, wie eine schwierige Situation entsteht. Die Zuschauerinnen und Zuschauer reden mit. Sie diskutieren über die getroffenen Entscheidungen. Sie schlagen Alternativen vor und dürfen sogar selbst in die Geschehnisse eingreifen, um zu sehen, ob eine andere Reaktion den Verlauf ändert.
Das ist die Idee hinter Fit for PSEAH?, einem interaktiven Forumtheater, welches 2020 auf Initiative der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) entstand, in Zusammenarbeit mit dem Theaterensemble Kuckuck-Produktion aus Zürich. Seither fanden Vorstellungen in Bern und bei der UNO in Genf, New York und Rom statt. Später wurden lokalisierte Pilotprojekte in Äthiopien und Simbabwe durchgeführt. Heute tritt die Initiative in eine neue Phase. Das Forumtheater will nicht nur verschiedene Länder besuchen, sondern die Methodik direkt an lokale Akteure vermitteln.
Was ist PSEAH?
PSEAH steht für Prevention of sexual exploitation, abuse and harassment und bedeutet Prävention von sexueller Ausbeutung, Missbrauch und Belästigung. Der Begriff wird von der UNO und von Nichtregierungsorganisationen (NGO) verwendet und bezieht sich auf Massnahmen in der internationalen Zusammenarbeit, die zum Schutz von Menschen vor sexuellen Übergriffen durch eigene Mitarbeitende und angegliedertes Personal ergriffen werden. Sexuelle Ausbeutung, Missbrauch und Belästigung sind weitverbreitet und können schwerwiegende psychische, physische, soziale oder andere Folgen für die Betroffenen und Opfer haben. Ausserdem riskieren Organisationen nicht nur, Fachkräfte zu verlieren, sondern auch, dass sich die Arbeitsatmosphäre verschlechtert.
Das EDA engagiert sich für eine Null-Toleranz-Politik in Bezug auf Untätigkeit gegen sexuelle Ausbeutung, Missbrauch und Belästigung. PSEAH ist sowohl für das EDA als auch für seine Partnerorganisationen eine absolute Priorität. PSEAH ist wichtig für die Begünstigten, Auftragnehmenden sowie die Mitarbeitenden der DEZA und ihrer Partnerorganisationen. Starke PSEAH-Systeme sind unerlässlich, um sichere und verantwortungsvolle Hilfsleistungen erbringen zu können und um die Glaubwürdigkeit der Schweiz in der internationalen Zusammenarbeit zu wahren.
Lokalisierung statt Übersetzung
2026 stehen Tansania und die somalisprachigen Teile des Horns von Afrika als erste im Zentrum des neuen PSEAH-Lokalisierungsprogramms der DEZA (2026–2029). Ziel ist es, das PSEAH-Forumtheater in lokale Theaterszenen zu transformieren, welche den Realitäten der Menschen Rechnung tragen, die in Entwicklungs- und humanitären Organisationen arbeiten oder einer Zielgruppe solcher Programme angehören.
Das auf Forumtheater spezialisierte Schweizer Theaterensemble Kuckuck-Produktion und lokale Theaterensembles, PSEAH-Fachleute, Moderationsteams und Umsetzungspartner arbeiteten zusammen an der Entwicklung neuer Szenarien, die auf Gegebenheiten, Sprachen und Machtverhältnissen beruhen, mit denen das jeweilige Publikum vertraut ist. Neben der Entwicklung von Theaterszenen in Suaheli und Somali wurden auch lokale Moderatorinnen und Moderatoren geschult, um künftige Vorstellungen selbständig leiten zu können. Es ging nicht darum, die ursprüngliche Schweizer Initiative einfach zu übersetzen, sondern darum, sie zu lokalisieren.
Lokalisieren beinhaltet viel mehr als Übersetzen. Die Gemeinschaften müssen sich in den Geschichten wiedererkennen, ihre eigene Sprache hören und über Themen diskutieren, die ihren Alltag widerspiegeln.
Für die somalisprachige Region wurden in Mogadischu, Jigjiga und Garissa im Rahmen einer Kontextanalyse zuerst die Risiken und sozialen Dynamiken im Zusammenhang mit den Themen sexuelle Ausbeutung, Missbrauch und Belästigung untersucht. Die lokalen Teams nutzten die Erkenntnisse zur Erarbeitung von drei Theaterstücken mit konkretem Kontextbezug: Universität, Arbeitsplatz und Hilfsgüterverteilung.
Sprache, Dialekt und familiäre Ausdrücke wurden mit lokalen Werten wie Würde, Autorität, Schutz und Rechenschaftspflicht verknüpft. Somalische Musik und Tänze wurden ebenfalls integriert, um eine familiäre Atmosphäre zu schaffen, die es ermöglicht, heikle Fragen anzusprechen. Das Ergebnis ist nicht einfach eine lokale Version eines bestehenden Theaterstücks, sondern ein Sensibilisierungsinstrument, das den Menschen Sicherheit und Vertrautheit vermittelt.
Bihawa Swaleh formuliert es so: «Die Vorstellungen sind ein Erfolg, weil sie Situationen zeigen, die die Menschen aus ihrem Alltag kennen.»
Das Publikum wird Teil der Erzählung
In Tansania wurde die neue Phase mit einem hochrangigen Forumtheater-Event lanciert, mit der Schweizer Botschaft in Daressalam als Gastgeberin und unter Mitarbeit der Tanzania Bora Initiative als lokale Umsetzungspartnerin. Einheimische Musik, Tanz und Textbeiträge ergänzten das Fit for PSEAH? Forumtheater, an dem Vertreterinnen und Vertreter der UNO, der Zivilgesellschaft, von Entwicklungspartnern und lokalen Organisationen teilnahmen.
Der wichtigste Moment war aber jener, als die Bühne und das Publikum zu verschmelzen begannen. Die Anwesenden stellten die Entscheidungen der Darstellerinnen und Darsteller infrage und schlugen Alternativen vor. Einige Gäste betraten sogar selbst die Bühne. Gemeinsam suchten sie nach Antworten zu Fragen rund um Macht, Geschlechterungleichheit, Rechenschaftspflicht und Opfergerechtigkeit.
Für Esther Majani, Programmbeauftragte im Kooperationsbüro in Tansania, macht die Lokalisierung genau dadurch einen spürbaren Unterschied aus. «Sobald das Publikum lokalisierte Szenen als seine eigene Realität erkennt, werden die Gespräche viel ehrlicher und praxisbezogener.»
Was das Forumtheater bewirkt, könnte mit einer Präsentation oder einem Strategiepapier kaum erreicht werden. Die Menschen im Publikum spüren die Unsicherheit, die eine schwierige Situation auslöst. Es gibt nicht immer eine klare Antwort. Das Publikum kann eine Reaktion ausprobieren und deren Wirkung beobachten, sich darüber austauschen und sich selbst in die Pflicht nehmen. «Die Menschen können in einer sicheren Umgebung reale Entscheidungen ausloten, statt sich einfach nur anzuhören, was es für eine PSEAH-Strategie bräuchte», sagt Esther Majani.
Ein Raum, in dem man über das Unaussprechliche spricht
Wenn es um ein Tabuthema geht, ist Interaktion besonders wichtig. Für Omer Abdirahman Muhumed, der als Schauspieler in Jigjiga im Südosten Äthiopiens mitwirkt, zeigt die Reaktion des Publikums, dass Gespräche über Tabus möglich sind, wenn ein geeigneter Raum dafür geschaffen wird. Statt passiv Informationen zu erhalten, beteiligen sich die Anwesenden an der Lösungssuche.
Das Publikum hörte sich aufmerksam unterschiedliche Meinungen an, respektierte die Sprecherinnen und Sprecher und ermutigte jene, die sich auf die Bühne trauten. Es entstand eine positive, ermutigende Atmosphäre, bei der sich die Menschen immer selbstsicherer fühlten und ihre Ansichten zu heiklen Themen äusserten.
Nach den Vorstellungen baten die Menschen darum, das Programm in weitere Bezirke und ländliche Gebiete zu bringen. Gemeindeverantwortliche und Regierungsvertreter äusserten Interesse an einer Durchführung in ihren Zuständigkeitsbereichen.
Kapazitätsaufbau geht nach der Vorstellung weiter
Die Theatervorstellungen sind nur ein Teil der Initiative. Im Anschluss an das hochrangige Event in Daressalam fanden in Tansania und Nairobi intensive, mehrtägige Forumtheater-Schulungen sowie Workshops in Lokalisierung, Theaterstückschreiben und Probentechnik statt, an denen Theatertruppen, PSEAH-Fachleute sowie Moderatorinnen und Moderatoren teilnahmen, um lokalisierte, kontextspezifische Vorstellungen zu entwickeln und auszutesten. Vier speziell ausgebildete Teams haben begonnen, den Forumtheater-Ansatz in acht Regionen Tansanias und in den somalisprachigen Teilen des Horns von Afrika zu verbreiten. An jedem neuen Ort werden lokal verankerte Opferberatungsstellen aktiv in den Prozess eingebunden. Im Vorfeld finden Treffen mit den lokalen Anspruchsgruppen statt, um eine umfassende Teilnahme an den lokalisierten Vorstellungen, eine grösstmögliche Eigenverantwortung und eine weitere Verbreitung zu gewährleisten.
Der wichtigste Aspekt dieses Ansatzes ist die Lokalisierung: Durch die Kombination von kulturellem Wissen, Schauspielerfahrung und Fachwissen im Bereich PSEAH werden lokal verankerte Teams befähigt, sich die Methodik nachhaltig anzueignen.
Unterschiedliche Sprachen, verschiedene Bühnen, andere Geschichten – im Endeffekt jedoch die gleiche Ambition: Räume schaffen, in denen die Menschen Risiken erkennen, problematisches Verhalten hinterfragen und gemeinsam bessere Reaktionsmöglichkeiten auf sexuelle Ausbeutung, Missbrauch und Belästigung erarbeiten.

Das PSEAH-Forumtheater
Die DEZA-Initiative PSEAH Forum Theatre Localisation ist Teil des vierjährigen strategischen PSEAH-Lokalisierungsprogramms der DEZA. In Zusammenarbeit mit dem Theaterensemble Kuckuck-Produktion Zürich und interessierten DEZA-Länderbüros wird das PSEAH-Forumtheater der DEZA im Zeitraum 2026–2029 in neun Ländern und Regionen lokalisiert. Lokale Theaterensembles werden in der Methodik des Forumtheaters ausgebildet und bei der Erarbeitung eines vollständig lokalisierten PSEAH-Forumtheaters unterstützt, mit dem sie anschliessend in einem Land oder einer Region, wo die entsprechenden Programme der DEZA oder anderer Agenturen durchgeführt werden, auf Tournee gehen.
Interessierte Auslandvertretungen können sich für weiterführende Informationen unter sdcpseah@eda.admin.ch an den Focal Point PSEAH wenden.
Kontakt
Eichenweg 5
3003 Bern





