Neujahrsansprache des Bundespräsidenten Guy Parmelin, 1. Januar 2026
Bern, 01.02.2026 — Der folgende Text sollte am Donnerstag, 1. Januar 2026 traditionsgemäss am Mittag ausgestrahlt werden. Doch nur wenige Stunden zuvor hatte die Schweiz kurz nach dem Erwachen von den verheerenden Folgen des tödlichen Brands erfahren, der nach Mitternacht in einem öffentlichen Lokal der Walliser Gemeinde Crans-Montana ausgebrochen war. Diese Brandkatastrophe kostete 40 Personen das Leben und forderte 116 Schwerverletzte, darunter vor allem Jugendliche und junge Erwachsene. Es handelt sich um eine der schlimmsten Tragödien in der jüngeren Geschichte der Schweiz. Angesichts dieses schrecklichen Ereignisses und aus Respekt vor den Opfern hat Bundespräsident Guy Parmelin entschieden, auf die Ausstrahlung dieses Textes ganz zu verzichten. Der Text wird aber dennoch archiviert, um als lebendiges Zeitzeugnis zu dienen. Am Freitag, 9. Januar 2026 fand ein nationaler Trauertag im Gedenken an die Schweizer und ausländischen Opfer dieses tragischen Unglücks statt.
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger in der Schweiz und im Ausland,
Ein neues Jahr steht für einen Neuanfang. Es lädt uns ein, nach vorne zu schauen und an positive Entwicklungen zu glauben. Gleichzeitig wissen wir aus den letzten Jahren, dass die Welt uns immer wieder vor Herausforderungen stellt. Die Gesundheitskrise, Unsicherheiten bei der Energieversorgung, der Krieg in der Ukraine und neue wirtschaftliche Spannungen haben vieles verändert.
All das kann beunruhigen – besonders, wenn dazu persönliche Sorgen, Rückschläge oder das Leid anderer Menschen kommen. Diese Gefühle sind verständlich. Es geht nicht darum, Probleme kleinzureden. Aber es geht darum, im Gespräch zu bleiben. Dialog schafft Vertrauen. Und Vertrauen ist der erste Schritt zu Lösungen.
Die Schweiz ist ein starkes Land. Sie ist handlungsfähig und gut aufgestellt. Das zeigt sich im Alltag: in der Schule, in der Ausbildung, an den Arbeitsplätzen, in den Unternehmen und auch im Leben nach der Pensionierung. Unsere Gesellschaft funktioniert. Und sie sorgt dafür, dass niemand zurückgelassen wird. Daran misst sich ihre Stärke.
Natürlich gibt es Herausforderungen. Ich bin mir bewusst, wie unangenehm ein überfüllter Zug oder tägliche Staus sein können. Ich weiss, wie sehr die Gesundheitskosten das Budget der Haushalte belasten. Die Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche sind für viele ein grosses Problem. Und die Sorge um die Rente begleitet manche Menschen stärker, als es sein sollte.
Diese Realitäten dürfen nicht unterschätzt werden. Sie betreffen unsere Lebensqualität und verdienen Aufmerksamkeit. Es ist legitim, sich darüber Gedanken zu machen und gewisse Entwicklungen zu kritisieren. Suchen wir gemeinsam nach Lösungen. Mit Respekt und Ausdauer. Zusammen können wir viel bewegen. Das ist gelebte Demokratie, die grösste Stärke unseres Landes. Nutzen wir sie.
Dabei sollten wir das Wesentliche nicht aus dem Blick verlieren. Die Schweiz lebt in Frieden und Sicherheit. Sie verbindet Freiheit mit Verantwortung, Wohlstand mit Solidarität, Tradition mit Innovation. Ihre Institutionen sind stabil, die Justiz unabhängig, der Föderalismus schafft Nähe und Identität.
Aus all diesen Gründen blicke ich zuversichtlich auf das Jahr 2026. Denn das Fundament ist stark. Wir verfügen über gute Bildung, hervorragende Forschung, unternehmerischen Mut, engagierte Menschen und den Willen, Verantwortung zu übernehmen.
Am ersten Tag des Jahres möchte ich auch an die Kraft von Kultur und Kreativität erinnern. Unser Land ist reich an Ideen, Kunst und geistiger Offenheit. Es hat der Welt Giacometti, Dürrenmatt oder Taeuber-Arp, aber auch lebendiges Brauchtum, Erfindergeist und vielfältiges musikalisches Schaffengeschenkt und es wird in Zukunft noch viel mehr hervorbringen. Darüber freue ich mich sehr. Das zeigt: Unsere Gesellschaft ist lebendig, neugierig und erneuerungsfähig. Die Schweiz kann sich selbst hinterfragen, sich weiterentwickeln und nach vorne denken. Sie ist souverän, unabhängig und stark. Und sie hat allen Grund, optimistisch in die Zukunft zu blicken.
Ich wünsche Ihnen allen ein gutes, hoffnungsvolles Jahr 2026.
Es guets Nöis
Bonne année
Buon anno
Buon ann