Recht auf Bildung: Für viele noch immer eine Illusion
Bildung ist ein grundlegendes Menschenrecht. Dennoch können Hunderte Millionen Kinder in der Welt nicht zur Schule gehen, da sie in einer Notsituation leben, die mitunter jahrelang andauert. Die internationale Gemeinschaft muss die einzelnen Staaten nach Kräften dabei unterstützen, diesen Kindern eine hochwertige Bildung zu bieten, was eine der wirksamsten Massnahmen zur Bekämpfung der Armut ist.

Autor: Luca Beti
Immer wieder muss ich an die Geschichte von Kinda und Bayan denken. Die beiden syrischen Mädchen schauen ins Kameraobjektiv und berichten von ihrem von Bombenangriffen geprägten Alltag. «Die Strassen in Syrien sind gefährlich. Überall gibt es Stacheldraht und Granatsplitter. Die Schule bedeutet mir viel. Mir macht es Spass, zu lernen und mit meinen Freundinnen zu spielen», sagt Kinda. «Erst habe ich meinen Vater verloren, dann drei Jahre Schulbildung», erzählt Bayan. Der seit elf Jahren andauernde Bürgerkrieg hat ihren Traum vom Lehrer- und Arztberuf zerstört. Genau wie sie gehen weitere 2,4 Millionen Kinder in Syrien nicht zur Schule.
Rund 5000 Kilometer entfernt, im Norden Burkina Fasos, schildert Rihanata die überstürzte Flucht ihrer Familie nach einem Angriff durch eine bewaffnete Gruppe. «Ich war draussen beim Spielen mit meinen Freundinnen. Als ich nach Hause kam, sah ich, wie meine Mutter und mein Vater ein paar Sachen in Taschen packten», erinnert sich Rihanata.
Das Mädchen floh mit seinen Eltern in das 100 Kilometer entfernte Flüchtlingslager in Kaya. Aufgrund der Gewalt in Burkina Faso wurden in den letzten Jahren Tausende von Schulen geschlossen, was Kinder anfällig für eine Rekrutierung durch bewaffnete Gruppen, sexuelle Gewalt, Kinderehen, Kinderarbeit und andere Formen der Ausbeutung macht.
Die Schule ist nicht nur ein Ort der Bildung
Kinda, Bayan und Rihanata – drei verschiedene Geschichten, drei ähnliche Schicksale: Sie leben in Krisenkontexten, in denen das Recht auf Bildung missachtet wird. Die Schule vermittelt nicht nur Kenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen, sondern bietet auch Schutz, ein sicheres Umfeld, warme Mahlzeiten, psychosoziale Unterstützung und eine grundlegende Gesundheitsversorgung. «Mit der Rückkehr ins Klassenzimmer kehren die Kinder ein Stück weit auch in die Normalität zurück», erklärt Fadi Baidoun, Experte für humanitäre Hilfe im Besetzten Palästinensischen Gebiet. «Bildung ist unerlässlich dafür, künftige Entscheidungen zu treffen und die Menschenrechte einzufordern.»
Während einer Krise oder eines Konflikts kann der Schulbesuch für eine gewisse Regelmässigkeit, Stabilität und Struktur im prekären Alltag sorgen. Langfristig ist eine gute Bildung eine der wirksamsten Massnahmen, um der Armut zu entkommen, da sie beispielsweise die Fähigkeit vermittelt, einen Finanzplan aufzustellen, einen Kreditvertrag zu lesen oder die eigenen Produkte im Internet zu bewerben.
Laut einer Studie des globalen UNO-Fonds für Bildung in Notsituationen, Education Cannot Wait (Bildung kann nicht warten, ECW), stieg die Zahl der schulpflichtigen Kinder, die in einem Krisenkontext leben, zwischen 2016 und 2022 von 75 Millionen auf 222 Millionen. Einem Drittel dieser Kinder (78 Millionen) bleibt der Schulbesuch verwehrt, während mehr als jedes zweite Kind zwar zur Schule geht, jedoch nicht die Mindestanforderungen im Rechnen und Lesen erreicht. Zudem leben 84 Prozent der Kinder, die keine Schule besuchen, dem Bericht zufolge in einer anhaltenden Krisensituation, und zwar mehrheitlich in Afghanistan, Pakistan, Äthiopien, Mali, Nigeria, im Sudan, im Südsudan, in der Demokratischen Republik Kongo, in Somalia und im Jemen.
Private Investitionen in die Bildung
In Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen ist der Privatsektor eine wichtige Finanzierungsquelle für das Bildungswesen. Laut einem Bericht von NORRAG, dem Netzwerk für internationale Politik und Entwicklungszusammenarbeit im Bereich Bildung, haben private Stiftungen zwischen 2017 und 2020 2,1 Milliarden US-Dollar für die Schulbildung, vor allem in Asien und Afrika mobilisiert. Gemeinsam mit den Akteuren der Entwicklungszusammenarbeit und in Zusammenarbeit mit staatlichen Behörden fördern private Träger hochwertige Bildungsangebote, unterstützen Innovationen, geben ihr Wissen weiter, regen zu neuen Ideen an und tragen so zur Erneuerung bei, auch jenseits des Bildungswesens. Durch dieses Engagement stärken sie die Widerstandsfähigkeit, ein zentrales Element zur Krisenbewältigung. Beispielsweise hat der Privatsektor Ausbildungszentren finanziert, in denen soziale und berufliche Kompetenzen vermittelt werden. Dadurch erhalten Personen, die in den Arbeitsmarkt eintreten, die Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, ihre Lebensbedingungen und die ihrer Familien zu verbessern und die wirtschaftliche Entwicklung der gesamten Gemeinschaft zu fördern. Wie das Genfer Hochschulinstitut für internationale Studien und Entwicklung (IHEID) feststellt, treten im Zusammenhang mit privater Finanzierung einige Probleme auf. So begünstigen Stiftungen, gewinnorientierte Unternehmen und Impact-Investitionen unter anderem leicht erreichbare Kinder in städtischen Gebieten. Dadurch könnten sich das Bildungsgefälle und die sozialen Ungleichheiten weiter verschärfen. Zudem zielen wirkungsorientierte Investitionen vorrangig auf unmittelbare Ergebnisse, auch im schulischen Bereich, ab.
«Globale Lernkrise»
Insgesamt gehen weltweit nahezu 258 Millionen Kinder und Jugendliche nicht zur Schule. Zum Vergleich: als hätte die gesamte Bevölkerung Deutschlands, Frankreichs, Italiens, der Schweiz und Spaniens noch nie in ihrem Leben ein Buch aufgeschlagen. Darüber hinaus beginnen viele Kinder mit der Primarschule, schliessen sie jedoch nicht ab oder lernen ungenügend, da die Qualität des Unterrichts mangelhaft ist. Die UNO spricht hier von einer «globalen Lernkrise». Trotz der Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte besitzt fast eine halbe Milliarde Kinder und Jugendliche, selbst wenn sie die Schule besuchen, nicht die für den späteren Erfolg im Leben notwendigen Grundkenntnisse im Rechnen und Lesen. Hinzu kommen weitere 750 Millionen erwachsene Analphabeten.
In der Agenda für nachhaltige Entwicklung hat sich die internationale Gemeinschaft das Ziel gesetzt, bis 2030 eine angemessene Grund- und Berufsbildung für alle zu gewährleisten (SDG 4). Laut einem neuen UNESCO-Bericht dürfte nur einer von sechs Staaten dieses Ziel erreichen. Den Schätzungen zufolge werden bis Ende dieses Jahrzehnts etwa 84 Millionen Kinder keine Schule besuchen.
Covid hat viele Fortschritte zunichte gemacht
Infolge der Covid-19-Pandemie hat sich die Situation noch zugespitzt. Während des Höhepunkts der Pandemie im April 2020 konnten 1,6 Milliarden Schülerinnen und Schüler nicht zur Schule gehen. So auch in Kenia, wo die Klassenzimmer neun Monate lang völlig leer standen, was besonders für Mädchen äusserst gravierende Folgen hatte. «Von heute auf morgen verlor mein Vater seine Arbeit», berichtet die 17-jährige Hellen Achayo. «Um niemandem zur Last zu fallen, fing ich ein Verhältnis mit einem Mann an. Er kaufte mir Tee und Speisen, die ich mit meiner Familie teilte. Dann wurde ich schwanger, und der Mann verschwand für immer.» Heute steht Hellen Achayo bereits um fünf Uhr morgens auf, um zur Arbeit zu gehen. Für umgerechnet 30 Franken im Monat geht sie in einem Haus in Nairobi putzen. Und das sechs Tage in der Woche. Da sie ein Kind ernähren muss, ist der Schulbesuch für sie nur noch eine Wunschvorstellung.

Dasselbe Schicksal erleiden Millionen anderer junger Menschen, da ihre Eltern die Schulgebühren nicht mehr aufbringen können oder viele öffentliche Schulen für immer geschlossen wurden. In Uganda etwa kehrte nach einer zweijährigen Schulschliessung – der längsten weltweit – einer von zehn Schülern nicht in den Unterricht zurück. In Malawi stieg die Quote der Schulabbrecherinnen und Schulabbrecher zwischen 2020 und 2021 um 48 Prozent; in Kenia brachen 16 Prozent der Mädchen und 8 Prozent der Jungen die Schule ab. Auch die Bildungsungleichheit zwischen den sozialen Schichten wurde durch die Pandemie verschärft. Nach Angaben von Save the Children konnte jedes dritte Schulkind während des Lockdowns nicht am Fernunterricht teilnehmen, und jedes zweite verfügte weder über einen Computer noch über Zugang zum Internet.
Stärken des Schweizer Bildungssystems aus Entwicklungssicht
Das Schweizer Bildungssystem ist von hoher Qualität. Alle Kinder können ungeachtet der wirtschaftlichen Situation, der sozialen Herkunft, der Sprache oder des Aufenthaltsstatus die Schule besuchen. Das ist in vielen Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen anders. Zur Förderung einer hochwertigen, gleichberechtigten und inklusiven Bildung will die DEZA die Stärken des Schweizer Bildungssystems vermehrt in den Dienst der Partnerländer stellen. In einem Bericht der Pädagogischen Hochschule Zug werden fünf Vorzüge beleuchtet: Hoher Stellenwert und gute Qualität der obligatorischen Schule; dezentrale Organisation; Mehrsprachigkeit und Integration; Erwerb grundlegender Kompetenzen; Vorbereitung auf das Berufsleben. «Wir wollen unsere Bildungsexpertise nicht in andere Kontexte exportieren, sondern eine Inspirationquelle für Bildungsbehörden und andere Bildungsakteure in unseren Partnerländern sein», bekräftigt Martina Ramming, DEZA-Bildungsexpertin. So wurden im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit beispielsweise Projekte zur Verbesserung des Umgangs mit Mehrsprachigkeit in Thailand oder zur schulischen Integration von Kindern und Jugendlichen im Niger gefördert.
Recht auf Bildung, aber nicht für alle
Wie das UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) berichtet, finden Flüchtlinge im Durchschnitt erst nach 17 Jahren wieder in stabile Verhältnisse zurück. Währenddessen ist ihnen häufig das in der UNO-Kinderrechtskonvention von 1989 und der Flüchtlingskonvention von 1951 verankerte Recht auf Bildung verwehrt. Dieses Recht wird in der Resolution der UNO-Generalversammlung von 2010 bekräftigt, in der die Staaten aufgefordert werden, Bildung auch für Menschen auf der Flucht vor Kriegen oder Naturkatastrophen zu gewährleisten.
Rechnen und Lesen lassen sich auch in einem Flüchtlingslager oder an abgelegenen Orten erlernen. Es gibt hervorragende alternative Bildungsmöglichkeiten, etwa mobile Schulen, Fernunterricht oder nicht-formale Bildungsangebote auf kommunaler Ebene. Im Klassenzimmer können Schülerinnen und Schüler ihre Talente entdecken, ihre Anliegen und Wünsche mitteilen und ihre Widerstandsfähigkeit stärken. Kurz, sie lernen, sich auf das Leben vorzubereiten und ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.
«In Krisenzeiten bietet die Schule den Kindern einen geschützten Raum und gibt ihnen eine Zukunft», erklärt DEZA-Direktorin Patricia Danzi. «Die Schweiz setzt sich dafür ein, den Verlust einer ganzen Generation zu verhindern, und unterstützt die Bildung in Notsituationen». Der Bund engagiert sich seit Jahren für die Verwirklichung des Rechts auf Bildung. Der Erwerb von Grundkenntnissen stellt die Weichen für das spätere Leben und für die Eingliederung in die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt.
Dieses Recht ist eines der vier Hauptziele der Strategie der internationalen Zusammenarbeit 2021-2024. In Afrika, im Nahen Osten, in Osteuropa und in Asien fördert die DEZA Projekte mit dem Ziel, von Krisen, bewaffneten Konflikten, Vertreibung und irregulärer Migration betroffenen Kindern Schutz zu gewähren und ihnen eine hochwertige, gleichberechtigte und inklusive Bildung zu ermöglichen.
Umfassendes und dauerhaftes Engagement der Schweiz
Seit 2009 ist die Schweiz Mitglied des Verwaltungsrats der «Globalen Partnerschaft für Bildung», die Bildungsminister in Entwicklungsländern dabei unterstützt, ihre Schulsysteme dauerhaft zu verbessern. Seit Ende 2019 ist die Schweiz Mitglied des Exekutivrats von «Education Cannot Wait», dem Fonds für Bildung in Notsituationen, der das Recht von Kindern auf Bildung in Notsituationen und anhaltenden Krisen fördert. Schliesslich trug die Schweiz nach einer entsprechenden Initiative anlässlich des Globalen Flüchtlingsforums 2019 in Genf zur Schaffung des «Geneva Global Hub for Education in Emergencies» bei. Diese Plattform soll eine kohärente Gesamtschau begünstigen und in Notsituationen koordinierte Bildungsmassnahmen der einschlägigen Genfer Akteure fördern. Verschiedene internationale Institutionen wie das IKRK, UNICEF, UNHCR und die UNESCO haben sich der Initiative angeschlossen. Derzeit hat die Plattform 36 Mitglieder.
Auf der Suche nach Finanzmitteln
Das Bildungswesen ist chronisch unterfinanziert. Um bis 2030 eine gute Bildung für alle zu gewährleisten, werden jährlich schätzungsweise 75 Milliarden US-Dollar benötigt. Zwar sind die öffentlichen Ausgaben für das Schulwesen in den letzten zehn Jahren stetig gestiegen, doch hat die durch das Coronavirus verursachte Krise die Staatsfinanzen strapaziert. Laut einer Studie der Weltbank und der UNESCO haben rund 65 Prozent der Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen 2020 nach dem Ausbruch der Pandemie ihre Bildungsausgaben reduziert. Zwei Jahre später, so ergab eine UNICEF-Erhebung, lag der Anteil der Ausgaben für die Schulbildung in nur etwa 40 von 122 Staaten wieder über dem Stand von 2019.
Gemäss der Agenda für nachhaltige Entwicklung sollten die einzelnen Länder mindestens vier Prozent ihres BIP bzw. wenigstens 15 Prozent der gesamten öffentlichen Ausgaben für Bildung aufwenden. Diese Quote wurde von vielen Staaten bislang nicht erreicht und dürfte auch in Zukunft verfehlt werden. Daher sind öffentliche und private Beiträge derzeit entscheidend wichtig, damit sich das Bildungsgefälle in den Staaten und zwischen ihnen nicht weiter vergrössert. Neue Daten deuten allerdings darauf hin, dass die Geber weniger Mittel für Bildungszwecke bereitstellen. Zudem ist die Schule mit dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine erneut in den Hintergrund gerückt.
Bildung kann nicht warten
«Bildung kann nicht warten. Geben wir allen eine Chance, zur Schule zu gehen. Helfen Sie uns, die Träume von 222 Millionen Kindern am Leben zu erhalten». Mit diesen Worten appellierte UNO-Generalsekretär Antonio Guterres im Juni dieses Jahres an die Staats- und Regierungschefs der Welt, mehr Mittel bereitzustellen. Ziel ist es, bis zur Finanzierungskonferenz auf hoher Ebene im Februar 2023, die von Education Cannot Wait und der Schweiz in Genf ausgerichtet wird, 1,5 Milliarden US-Dollar aufzubringen (siehe Kasten).
Schliesslich erinnern die beiden Veranstalter daran, dass wir nicht das Ende von Kriegen oder der Klimakrise abwarten können, um 222 Millionen Kindern die Chance zur Erfüllung ihrer Träume zu geben. In ihre Bildung zu investieren bedeutet, in den Frieden, in die Bekämpfung des Klimawandels und in die Entwicklung ihrer Länder zu investieren.
#222MillionDreams
Um den Bildungsnotstand zu bekämpfen und 222 Millionen Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen, lancierte der globale UNO-Fonds für Bildung in Notsituationen, Education Cannot Wait (Bildung kann nicht warten), die Spendenkampagne #222MillionDreams. Darin ergeht der Aufruf an öffentliche Geber, den Privatsektor, Stiftungen und Einzelpersonen, dringend mehr Mittel für die formale und informelle Bildung in Krisenkontexten zu mobilisieren. «Die wirtschaftlichen Ressourcen zur Gewährleistung einer hochwertigen Bildung für alle sind vorhanden», bekräftigt Gordon Brown, UNO-Sonderbeauftragter für globale Bildung. Die Kampagne #222MillionDreams bringt Geberländer und andere Partner im Vorfeld der Finanzierungskonferenz auf hoher Ebene zusammen, die von Education Cannot Wait, der Schweiz, Deutschland, dem Niger, Norwegen und dem Südsudan gemeinsam am 16. und 17. Februar 2023 in Genf ausgerichtet wird.
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