Zum Hauptinhalt springen

MitteilungVeröffentlicht am 19. November 2021

Viel erreicht – noch sehr viel zu tun

Bei der Reduktion von Armut und Umweltschäden kann Forschung eine zentrale Rolle spielen. Besonders deutlich zeigt sich dies im Bereich der Ernährungssicherheit. Hier tragen Forschende zu grossen Erfolgen bei – und stehen doch vor riesigen Herausforderungen.

Zwei Bäuerinnen von der Ushirikiano-Kooperative in Kenia: Dank neuer Bohnensorten, die nahrhafter und widerstandfähiger sind, haben sich ihre Lebensumstände positiv verändert.

Autor: Christian Zeier

Nie hätte Lucy Gituamba gedacht, dass eine Bohne dermassen ihr Leben verändern würde. Zusammen mit den Frauen der Ushirikiano-Kooperative in Nakuru im Südwesten Kenias pflanzt die pensionierte Lehrerin seit Jahren Hülsenfrüchte an, die sie teils selbst zubereitet und teils verkauft. Als ihnen im Herbst 2019 eine Bohnenvariante mit höherem Eisen- und Zinkgehalt angeboten wird, lassen sich die Frauen auf das Experiment ein – Eisenmangel ist eine der Hauptursachen für Anämie, von der besonders schwangere und stillende Frauen sowie Kinder unter fünf Jahren betroffen sind.

Die Frauen der Kooperative belegen Workshops, lernen, wie man die neue Bohne sät, pflegt und kultiviert. Heute, gut zwei Jahre später, sagt Lucy Gituamba: «Niemals würden wir zur alten Sorte zurückwechseln.» Mithilfe der neuen Variante «Nyota» hätten sie die Produktivität ihrer Anbauflächen fast verdoppelt. Zudem sei die Sorte nahrhafter und lasse sich in kürzerer Zeit kochen. Zahlreiche Menschen in der Region hätten aufgrund der positiven Erfahrungen auf die neue Bohnensorte gewechselt, so Lucy Gituamba. «Die Innovation hat das Leben vieler Menschen verbessert.»

Nahrhafter und widerstandsfähiger

Wenig überrascht von diesem Fazit ist Jean Claude Rubyogo, Direktor der panafrikanischen Bohnenforschungs-Allianz PABRA. Seine Organisation ist mitverantwortlich dafür, dass «Nyota» den Weg zu den Frauen der Ushirikiano-Kooperative gefunden hat. Seit 25 Jahren setzt sich PABRA, ein internationales Netzwerk von Bohnenforschenden, nationalen Agrarforschungseinrichtungen und Partnerorganisationen, für nahrhaftere und widerstandfähigere Bohnen in Afrika ein. Besonders in Gebieten Ostafrikas spielt die Ackerbohne eine zentrale Rolle in Ernährung und Marktwirtschaft. Obwohl sie weitgehend für den Eigenbedarf produziert wird, werden etwa 40 Prozent der Produktion in Afrika südlich der Sahara vermarktet.

Über 500 neue Sorten hat die Bohnenallianz seit der Gründung entwickelt und auf den Markt gebracht. In zahlreichen Ländern konnten Produktivität und Ernährungssicherheit auf umweltfreundliche Weise verbessert und die Bohnenproduktion stark erhöht werden. Dazu benötigt es Know-how, ein grosses Netzwerk – und vor allem Forschung. Bevor eine neue Variante entwickelt werde, müsse man erst das Bedürfnis der Kundschaft erforschen, erklärt Jean Claude Rubyogo. Dann müsse man verstehen, welche Bedürfnisse die Bäuerinnen und Bauern hätten. Dann brauche es Wissen zur Bohnenzucht, zur Ernährung, zur Privatwirtschaft, zu Saatgut-Systemen und so weiter.

«Um Verbesserungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu erreichen, schaffen wir in jedem Bereich Wissen», sagt Jean Claude Rubyogo. «Oberstes Ziel sind dabei nicht wissenschaftliche Publikationen, sondern konkrete Produkte, die den Menschen helfen.» Forschung für Entwicklung also – mit diesem Anspruch ist PABRA Teil einer Bewegung, die in den vergangenen Jahrzehnten im Bereich der Ernährungssicherheit grosse Erfolge feiern konnte. Und die dennoch vor massiven Herausforderungen steht.

Lohnenswerte Forschung

In den 60er-Jahren wurden in vielen Entwicklungsländern neue Agrartechnologien, Dünge- und Pflanzenschutzmittel sowie Hochleistungssorten eingeführt. Die sogenannte «Grüne Revolution» trug zur massiven Steigerung der weltweiten Nahrungsmittelproduktion sowie zur Ernährungssicherung in vielen Ländern bei. Ein wichtiger Teil der Bewegung waren weltweite Forschungsinitiativen und -netzwerke wie etwa die Globale Partnerschaft für Agrarforschung CGIAR. Diese setzt sich seit 1971 für eine Welt ohne Hunger, Umweltschädigung und Armut ein und umfasst neben 15 renommierten Agrarforschungszentren lokale Ableger in über 100 Ländern. Zu diesem Netzwerk gehört auch das Internationale Zentrum für tropische Landwirtschaft (CIAT), welches die eingangs erwähnte Bohnenallianz PABRA gegründet hat.

Fünfzig Jahre nach der Gründung blicken die CGIAR und ihre Partnerinstitutionen auf weitreichende Erfolge zurück. Da sind einerseits Innovationen in den unterschiedlichsten Bereichen, vom Satelliten-Monitoring für Reisfelder als Grundlage für Ernteausfallversicherungen über existenzrettende Viehimpfungen bis hin zu neuartigen Agrar-Weiterbildungen mit digitalen Methoden. Und da sind die zahlreichen Nahrungsmittel, welche durch die Agrarforschung nahrhafter, ertragsreicher und resistenter geworden sind.

Eine 2020 veröffentlichte Untersuchung der SOAR-Foundation kommt zum Schluss, dass die ungefähr 60 Milliarden Dollar, welche seit 1981 in die CGIAR-Forschung geflossen sind, den zehnfachen Nutzen gebracht hätten. Dieser ergibt sich durch Vorteile für Menschen in ärmeren Ländern, die von einem grösseren Nahrungsmittelangebot, billigeren Lebensmitteln, geringeren Hunger- und Armutsraten sowie einem kleineren Fussabdruck der Landwirtschaft profitieren.

CGIAR und die Schweiz

Die Globale Partnerschaft für Agrarforschung CGIAR setzt sich für eine Welt ohne Hunger, Umweltschädigung und Armut ein. Die Schweiz trägt einerseits zur allgemeinen Finanzierung des CGIAR-Systems bei (33,1 Millionen Franken für den Zeitraum 2020-21) und unterstützt andererseits mittels spezifischer CGIAR-Projekte die nationale Agrarforschung und -beratung in ihren Schwerpunktländern. Zudem fördert sie Synergien zwischen schweizerischen Forschungseinrichtungen und den CGIAR-Zentren. Die DEZA ist aktives Mitglied in der europäischen Gebergruppe der CGIAR, die eine wichtige strategische Führungsfunktion wahrnimmt.

CGIAR

Möglichst nah an der Praxis

Möglich wurde all dies auch dank der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit, welche zu den grössten Geldgebern der CGIAR zählt. Im Bereich Forschung und Entwicklung ist der Beitrag an die Partnerschaft das grösste Einzel-Engagement der DEZA und Teil eines breiten Portfolios (siehe separater Artikel). Während die Themen Landwirtschaft und Ernährungssicherheit fast 50 Prozent des jährlichen DEZA-Forschungsbudgets ausmachen, finden sich Forschungsaspekte auch in unzähligen anderen Bereichen - von der Gesundheit über Bildung bis hin zu Umweltthemen oder Menschenrechte.

Forschung und Innovationen gelten für die DEZA dabei nicht als Ziele an sich, sondern als Mittel zur Förderung einer globalen nachhaltigen Entwicklung ohne Armut. Forschungsergebnisse fliessen in entwicklungspolitische Entscheide der Schweiz und deren Partnerländer sowie in die Programmarbeit ein und helfen, die Wirksamkeit, Effizienz und Dauerhaftigkeit der Entwicklungszusammenarbeit zu verbessern.

«Durch unser Engagement bei der Forschungsförderung haben wir in den letzten Jahren sehr viel erreicht», sagt Nathalie Wyser, Beraterin für Forschung bei der DEZA. Dennoch sei man auch selbstkritisch und versuche, die Forschung noch näher an die praktischen Bedürfnisse der Menschen zu bringen. Insbesondere durch die Agenda 2030 der UNO sei die internationale Forschungsgemeinschaft dazu aufgefordert worden, ihren Beitrag zur Erreichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung zu leisten. Mit dem Programm «Transform», das 2020-2030 läuft, werden daher noch stärker bedarfsorientierte Forschungsprojekte gefördert, die Umsetzungspartner aus Politik und Praxis in Entwicklungsländern möglichst eng miteinbeziehen.

Grüne Revolution als Sackgasse

Auch im Bereich der Ernährungssicherheit ist dieses Zusammenspiel von Forschung und Praxis eine der grossen Herausforderungen. «Mit der Grünen Revolution hatte man riesigen Erfolg, indem man die Forschungsresultate einfach zu den Bauern transferierte», sagt Michel Evéquoz vom Globalprogramm Ernährungssicherheit der DEZA. «Dabei ging es nur um Produktivität, während die massiven negativen Auswirkungen lange ignoriert wurden.» Heute sehe man, dass das Modell der Grünen Revolution in vielen Regionen, in denen noch immer Hunger herrscht, nicht funktioniert. Zudem gäbe es Regionen, die zwar ernährungssicher geworden sind, dafür aber einen hohen Preis bezahlten.

Länder wie China, Indonesien, Sri Lanka oder Vietnam hätten ihre Reisproduktion massiv erhöhen konnten, würden nun aber mit massiven Umweltschäden und einer Abnahme der Biodiversität kämpfen. «In solchen Ländern wird die Frage immer wichtiger: Wie können wir negative Auswirkungen verhindern und dennoch gleich viel produzieren?», sagt Michel Evéquoz.

Bohnen gehören genau wie Reis in vielen Weltgegenden zu den Grundnahrungsmitteln.
Reis gehört in vielen Weltgegenden zu den Grundnahrungsmitteln, weshalb die entsprechende Forschung wie beispielsweise unten am Internationalen Reisforschungsinstitut auf den Philippinen so bedeutend ist.

Ein Projekt, das genau hier angesetzt hat und von der DEZA unterstützt wurde, ist Corigap. Die Initiative des Internationalen Reisforschungsinstituts IRRI schliesst einerseits Ertragslücken bei der Reisproduktion, verringert aber auch den ökologischen Fussabdruck der Produktion. In Vietnam beispielsweise konnten Landwirte, welche die vorgeschlagenen Massnahmen des Projekts befolgten, den Pestizideinsatz um 50 Prozent reduzierten und gleichzeitig ihre Erträge und ihr Einkommen deutlich steigern.

«Der klimatische Notstand zwingt uns jedoch dazu, über die Optimierung der Ressourceneffizienz hinauszugehen», sagt Michel Evéquoz. Forschung, Produktion sowie Konsumentinnen und Konsumenten müssten ganz grundsätzlich die Art und Weise ändern, wie sie Lebensmittelsysteme als Ganzes betrachten. Für den Experten ist klar: «Alternative Lösungen bietet die Agrarökologie.»

Die Zukunft ist agrarökologisch

Aus diesem Grund engagiert sich die Schweiz im Rahmen der 2020 gegründeten Transformative Partnership Platform (TPP). Die Partnerschaft, welche neben der DEZA etwa von Frankreich, der EU oder der CGIAR getragen wird, will den Übergang hin zu einer agrarökologischen Landwirtschaft fördern. Stark vereinfacht heisst das: Statt auf industrielle Produktion und reine Effizienzmaximierung zu setzen, soll die Landwirtschaft möglichst in Einklang mit den natürlichen Ressourcen gefördert und diese sollten nicht nachhaltig geschädigt werden.

«Das heutige Nahrungssystem funktioniert nicht», sagt Fergus Sinclair, leitender Wissenschaftler am Zentrum für internationale Forstwissenschaft Cifor und Mitbegründer der TPP. Erstens herrsche nach wie vor Hunger, während andere Teile der Welt an Fettleibigkeit litten. Zweitens sei die Nahrungsmittelproduktion für einen Drittel der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich und gelte als wichtigste Ursache für den Verlust von Biodiversität. Drittens zerstöre die industrielle Landwirtschaft systematisch Land- und Wasserressourcen, von denen sie eigentlich abhängig ist.

Für Sinclair gilt es als erwiesen, dass agrarökologische Ansätze mindestens gleich produktiv sein können wie die konventionelle Landwirtschaft – ohne dabei die Natur nachhaltig zu schädigen. Es fehle aber noch an politischem Willen, Lösungen schnell umzusetzen. Und: Es brauche die Forschung, die aufzeigen könne, welche agrarökologischen Lösungen in welchem Kontext funktionieren. Denn im Vergleich zum Forschungsbudget der konventionellen Landwirtschaft werde noch immer kaum in die Forschung nachhaltiger Produktionssysteme investiert. Dennoch ist Fergus Sinclair vorsichtig optimistisch: «Wir bewegen uns ziemlich schnell in eine positive Richtung», sagt der Forscher. «Und bei dieser Bewegung ist die Schweiz vorne dabei.»

Was ist Agrarökologie?

Agrarökologie ist ein dynamisches Konzept und bezeichnet sowohl einen wissenschaftlichen Forschungsansatz, der Ernährungs- und Agrarökosysteme ganzheitlich betrachtet, als auch eine gesellschaftspolitische Bewegung. Die Agrarökologie wird zunehmend als ein Konzept gefördert, das zur Umgestaltung der Ernährungssysteme beitragen kann, indem es ökologische Grundsätze auf die Landwirtschaft anwendet und eine regenerative Nutzung der natürlichen Ressourcen und Ökosystemleistungen sicherstellt. Gleichzeitig trägt es der Notwendigkeit sozial gerechter Ernährungssysteme Rechnung, in denen Menschen selbst entscheiden können, was sie essen und wie und wo es produziert wird. Die Agrarökologie ist heute ein transdisziplinäres Gebiet, das – von der Produktion bis zum Verbrauch – alle ökologischen, soziokulturellen, technologischen, wirtschaftlichen und politischen Dimensionen von Lebensmittelsystemen umfasst.

Kontakt

Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA)
Eichenweg 5
3003 Bern